THE VORTEX

Berlinale #2 – Weglaufen geht nicht

Mit seinem Wettbewerbsfilm Don’t worry, he won’t get far on foot berührt Gus van Sant tief und geht dahin wo es richtig weh tut. Ohne schmerzhafte Auseinandersetzung mit dem Ich, keine Erlösung.

John Callahan (Joaquin Phoenix) verbringt im Kalifornien der 70er Jahre ein Leben mit viel Alkohol und ohne Plan.

John Callahan (Joaquin Phoenix) verbringt im Kalifornien der 70er Jahre zunächst ein Leben mit viel Alkohol und ohne Plan. © 2018 AMAZON CONTENT SERVICES LLC / Scott Patrick Green

John Callahan (Joaquin Phoenix) lebt ein wildes, zielloses Partyleben im Kalifornien der 70er Jahre ohne große Verantwortung und Pflichten aber mit viel hartem Alkohol. Nach einer durchzechten Nacht mit seinem Saufkumpel (Jack Black), wacht er im Krankenhaus auf und erfährt: er ist für den Rest seines Lebens querschnittsgelähmt. Es beginnt eine mühevolle, quälerische Reise zu sich selbst, in ein neues Leben und eines Tages auch ohne Alkohol. Hilfe bekommt er von Donnie (grandios Jonah Hill), der mit einem üppigen Erbe gesegnet eine psychologische Anlaufstelle für Alkoholkranke eröffnet hat und Annu (Rooney Mara), die er im Krankenhaus kennen und schliesslich lieben lernt. Doch am meisten hilft ihm seine neu entdeckte Berufung – zynische, politisch inkorrekte Cartoons zu zeichnen, die dann auch noch gedruckt werden. John beginnt sich zu lieben und das Leben im Rollstuhl zu akzeptieren.

Dieser Film, der nach einer wahren Begebenheit die Geschichte von John Callahan erzählt, hätte in eine typisch amerikanische, kitschige Hollywoodstory mit sentimentalem Touch abrutschen können. Doch nicht mit dem Meister des sensiblen Erzählens Gus Van Sant (Elephant, Milk, Good Will Hunting) und dieser grandiosen Besetzung. Es sind die kleinen Gesten und Momente, die ihn so gut machen und die unter die Haut gehen. Wie öffnet man eine Flasche Alkohol, wenn man sich nicht bewegen kann und auch weit und breit keiner da ist, der sie öffnen könnte? Was tun, wenn man mitten auf der Strasse mit dem Rollstuhl umkippt ? Erleichtert stellt man fest, dass immer einer hilft und das macht den Film so schön. Es gibt den berühmten doppelten Boden, man muss ihn nur auch annehmen können.

Donnie (Jona Hill) hilft John (Joaquin Phoenix) dabei, sich mit seinen Problemen zu konfrontieren. © 2018 AMAZON CONTENT SERVICES LLC / Scott Patrick Green

Donnie (Jona Hill) hilft John (Joaquin Phoenix) dabei, sich mit seinen Problemen zu konfrontieren und weg vom Alkohol zu kommen. © 2018 AMAZON CONTENT SERVICES LLC / Scott Patrick Green

In einem 12-stufigen AA-Programm beginnt John sich mit den Dingen zu konfrontieren, die er bisher verdrängt und mit Alkohol ertränkt hat. Erkenntnis Nummer eins: alleine schaffst du es nicht, in der Gruppe bist du stark, vertraue dich anderen an! Er lernt, dass (Selbst-)Mitleid einen kein Stück weiter bringt und bekommt hier auch keines entgegengebracht. In seiner Gruppe haben alle eine schlimme Geschichte zu erzählen und dass John bei Nonnen aufwuchs, schließlich adoptiert wurde und seine Mutter nie getroffen hat, zählt von nun an nicht weiter als Ausrede sich dem Alkohol hinzugeben. John denkt um, beginnt zu reflektieren und zu verarbeiten, anstatt sich selbst weiter leid zu tun. Heraustreten aus der Opferrolle und rein ins Leben ist die Devise. Und all das vor allem mit dem Glauben an sich selbst. An dieser Stelle liegt die Essenz des Films – nur so kann Heilung funktionieren und manchmal braucht es hierfür einen heftigen Wake-up-Call. Makaber aber wahr, in seinem Unfall liegt Johns Glück und ohne schmerzhafte Auseinandersetzung mit dem Selbst, kann es keine Erlösung geben.

Joaquin Phoenix spielt John unfassbar gut, natürlich, berührend, facettenreich und vor allem uneitel. Dieser Film ist einer dieser seltenen Filme, die einen im tiefsten Inneren berühren, wo es ganz selten mal einer hinschafft. Nicht aufgrund von Mitleid, oder von Sentimentalität oder aus romantischen Gefühlen heraus, sondern aufgrund von echter Mitgenommenheit und Empathie für das Schicksal dieses Menschen und seinen bewundernswerten Umgang damit. Wenn die Tränen laufen, ohne dass sie zu stoppen sind (und das im ganzen Kinosaal) und eine Gefühlsebene erreicht wird, die man nicht bewusst ansteuern kann, dann ist das wohl ein grandioses Werk und der Grund, warum ich Kino so liebe. Einen silbernen Bären für den Hauptdarsteller bitte!

 

Annika Kuhlmann
Ist Mitgründerin von THE VORTEX und Kulturmanagerin. Sie studierte Nordamerikanistik, Publizistik und Psychologie (im Nebenfach) an der FU Berlin. Am liebsten schreibt sie über Tanz/-Theater, Dokumentar-Filme, Feminismus und Zwischenmenschliches und führt für ihr Leben gerne Interviews. Nebenbei ist sie auch für das Marketing verantwortlich.

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