THE VORTEX

Berlinale #3 | Männer und Frauen in der Krise

Der österreichische Wettbewerbsbeitrag Wilde Maus in der Regie von Josef Hader spielt komödiantisch mit Geschlechterklischees und den Lebenskrisen der emanzipierten und intellektuellen Forty-Somethings.

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Georg (Josef Hader) ist am absoluten Tiefpunkt seines Lebens angelangt. Foto:WEGA Film

Der promovierte Musikkritiker Georg (Josef Hader) ist fassungslos. Nach 25 Jahren in der Redaktion einer großen Wiener Tageszeitung soll er den Platz räumen und durch „zwei jüngere, billigere Frauen“ ersetzt werden. Der Grund: er habe einen alten Vertrag und würde 50 % mehr verdienen als seine jüngeren Kolleginnen (eine davon gespielt von Nora von Waldstätten). Ja, die Zeiten für (Kultur)Journalisten sind hart und auch der Ton ist rauer geworden, zumindest wird hier mit nichts hinterm Berg gehalten. Der Zuschauer merkt schnell, auf dieser Welle wird es weitergehen. Dann geht alles ganz schnell, Georg räumt seinen Platz und entscheidet sich, seiner Frau nichts von alldem zu erzählen. Tag für Tag verbringt er nun im Prater Zeitung lesend auf der Bank. Bis er seinen alten Schulfreund Erich wieder trifft, den ein ähnliches Schicksal ereilte. Sie tun sich zusammen und bringen eine alte Achterbahn im Prater auf Vordermann – die Wilde Maus. Und dann sind da noch diese aufkeimenden Rachegelüste an Georgs Ex-Chef (Jörg Hartmann)…

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Georg (Josef Hader) und Johanna (Pia Hierzegger) befinden sich in einer Beziehungskrise. Foto: WEGA Film

Bis hier könnte man meinen, es handele sich um einen Film der sich mit der Midlifecrisis zweier Männer befasst. Doch die Frauen kommen auch nicht besser weg. Ein mit 40 plötzlich aufkeimender, bisher leider unerfüllt gebliebene Kinderwunsch hält Georgs Frau Johanna (grandios von Pia Hierzegger dargestellt) auf Trab. Ihre Arbeit als Psychotherapeutin scheint sie nicht (mehr) zu erfüllen. Als ein Patient den Spiess umdreht und ihre Kompetenz in einer Sitzung anzweifelt, ist alles zu viel. Mit einer Flasche Rotwein verbringt sie die Abende von nun an vor dem Fernseher (und gönnt sich auch tagsüber mal ein Schlückchen). Irgendwann stösst Georg dazu, nur – miteinander geredet wird hier nicht mehr viel, einen Freundeskreis scheint es auch nicht zu geben. Obwohl Georg sein Bestes tut um den Kinderwunsch zu erfüllen, geizen beide nicht mit Schuldzuweisungen. Oft enden die Abende in Diskussionen, gar heftigem Streit. Sowieso macht hier jeder selber das Gegenteil von dem, was er dem anderen rät. Der komödiantische, oft zynische Unterton lässt jedoch erahnen, dass es sich hier um First World Problems handelt und man alles weglachen kann. Es wird schon gut ausgehen am Ende, aber vorher drehen alle noch einmal richtig durch.

Weitere aktuelle Rezensionen zur Berlinale finden Sie in unserem Film-Ressort | Velvet Creative Office © Internationale Filmfestspiele Berlin

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Der Kabarettist Josef Hader trifft zielsicher mit seinem Regiedebut dieser Tragikkomödie einen Zeitgeist, vor allem was die Charaktere angeht. Männer dürfen in postpostmodernen Zeiten emotional und soft sein, Frauen hart und rational ohne an Sexieness einzubüssen zu müssen (oder gerade deshalb?). Da verliebt sich Johannas schwuler Patient schon mal zum ersten Mal fast in eine Frau, weil die so männlich ist. Wenn die Realität – hier Thema Fortpflanzung, oder die Ernährung einer Familie – Einzug hält, besinnt sich Mann/Frau auf das biologisch und gesellschaftlich ursprünglich angelegte und schon haben alle ein Problem. Gleichheit gibt es nur, so lange wir es schaffen die Biologie auszutricksen, sie zu umschiffen, alles hinauszuzögern. Georg beschliesst jedoch, sich mit genau diesen Dingen zu konfrontieren und das Animalische in sich auszuleben, es rauszulassen. Die Balance, die laut Hader in diesem Film durch eine wohlige Dosierung von Tragik und Komik erhalten werden sollte, kippt dann am Ende doch stark Richtung Komik – zugunsten des Zuschauers.

Annika Kuhlmann
Ist Mitgründerin von THE VORTEX und Kulturmanagerin. Sie studierte Nordamerikanistik, Publizistik und Psychologie (im Nebenfach) an der FU Berlin. Am liebsten schreibt sie über Tanz/-Theater, Dokumentar-Filme, Feminismus und Zwischenmenschliches und führt für ihr Leben gerne Interviews. Nebenbei ist sie auch für das Marketing verantwortlich.

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