THE VORTEX

Berlinale #6 | Der Mann mit dem Hut

Die Dokumentation Beuys von Andres Veiel im Wettbewerb der Berlinale, ergründet das Phänomen dieses einzigartigen Künstlers und erinnert an die Strahlkraft seiner Kunst für damals und heute.

201713472_4

Joseph Beuys mit Studenten im Ringgespräch, Raum 20, Staatliche Kunstakademie Düsseldorf, 1967 (links: Johannes Stüttgen) Ute Klophaus © zeroonefilm/ bpk ErnstvonSiemensKunststiftung StiftungMuseumSchlossMoyland

Ein Mann verlässt beeindruckt das Guggenheim Museum in New York, in dem er gerade Kunstwerke von Joseph Beuys bewundert hat und sagt, er müsse seinen Begriff von Kunst jetzt komplett neu definieren, nachdem er das hier gesehen habe. Dieser Satz sagt eigentlich alles über Joseph Beuys und seine Relevanz, die zweifelsohne in die heutige Zeit hineinragt und noch lange andauern wird. Dies war auch der Grund warum Andres Veiel sich 2013 entschloss, eine Dokumentation über diesen charismatischen, unkonventionellen Aktionskünstler zu machen. Veiel sichtete 300 Stunden Videoarchivmaterial und ebenso viel Audio und Fotomaterial (an die 20.000 Bilder) und drehte 20 neue Interviews mit seinen Wegbegleitern, um die Lücken zu füllen, die das Archivmaterial aufwies, die aber im Endeffekt nur 5 % des Films ausmachen. Diese Kombination macht diese Doku so besonders: es ist eine stimmige, athmosphärische Collage aus eben diesen vier Komponenten entstanden, die sich perfekt ergänzen. Ruhig und gekonnt von Stephan Krumbiegel und Olaf Vogtländer montiert, lässt dieses Feature dem Zuschauer genug Raum um in das Innenleben der Person Beuys und in die Zeit der 60er-80er Jahre einzutauchen.

Weitere aktuelle Rezensionen zur Berlinale finden Sie in unserem Film-Ressort | Velvet Creative Office © Internationale Filmfestspiele Berlin

Weitere aktuelle Rezensionen zur Berlinale finden Sie bei uns im Film-Ressort | Velvet Creative Office © Internationale Filmfestspiele Berlin

Aber was machte die Person Joseph Beuys – der Mann mit dem schwarzen Hut (den er fast immer trug um seine Narben aus dem 2. Weltkrieg zu kaschieren, die er sich bei einem Flugzeugabsturz zuzog) und dem Pelzmantel – so einzigartig, wovon geht seine Faszination aus? Seine Kunst schlug in den siebziger und achtziger Jahren ein wie eine Bombe, vor allem auch in den spiessigen Vororten Schwabens, in denen Veiel aufgewachsen ist. Teilweise wurden seine Objekte missverstanden als „Überbleibsel einer Baustelle“ oder auch „teuerster Haushaltsmüll allerzeiten“. Ein Bruch mit der Zeit und ein endgültiges Aufräumen mit dem letzten Restmief der Nazizeit zog die Zuschauer magisch an, wie kein anderer. Der Film macht deutlich, wie sehr Beuys provozierte und damit beeindruckte und zwar nie ohne dabei seinen Charme zu verlieren. Das machte ihn so einflussreich. Seine Art zu denken, die Etablierung eines „erweiterten Kunstbegriffs“ der Kunst als Gesamtkunstwerk ansah, aber eben auch die Art und Weise, wie er seine Gedanken auf etlichen Podiumsdiskussionen, in Gesprächsrunden und Vorträgen kundtat und vermittelte. Er war Botschafter einer Kunstbewegung, liebte es in der Öffentlichkeit zu stehen wie kein anderer und erreichte so möglichst viel Aufmerksamkeit. Seine Selbstvermarktung war einzigartig. Eine seiner Wegbegleiterinnen, Rhea Thönges-Stringaris, sagt über ihn: „Er redete viel, aber er liess eben auch Tagen folgen. Das war sein großes Talent. Er war ein Macher.“  Und dabei blieb er sehr authentisch. Sätze wie: „Wollt ihr etwa eine Revolution ohne Lachen?“ überraschten und waren revolutionär. Sein großen Augen waren eindrucksvoll und sein breites Lächeln war mitreisend. Durch seine offene Art, wirkte er vertrauenswürdig.

201713472_5

Der Hut wurde das Markenzeichen von Joseph Beuys. ErichPuls/KlausLamberty © zeroonefilm/ StiftungMusemSchloss Moyland

Das Videomaterial zeigt Beuys hautnah bei seiner Arbeit. Keiner wird so eng mit der Documenta in Kassel in Verbindung gebracht wie er, auf der er regelmäßig mit seinen Werken vertreten war. Nachdem er 1964 an der Documenta 3 mit der Aktion „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ teilgenommen hatte, folgten Einzelpräsentationen und seine zunehmende Präsenz in der Öffentlichkeit. Es entstanden Werke wie „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ 1977 und „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung – 7000 Eichen“, die er bei der Documenta 7/1982 pflanzte und noch heute legendär und allgegenwärtig sind, die berühmte Fettecke, Ausstellungen im Guggenheim Museum in New York, bei der Biennale in Venedig, im Martin-Gropiusbau in Berlin, gemeinsame Sache mit Andy Warhol, Robert Rauschenberg, seine Professur an der Kunstakademie Düsseldorf.

Darüber hinaus erinnert der Film daran, dass er noch viel mehr war, als ein vorausschauender Künstler, nämlich ein politischer Mensch. Er bestand darauf, dass die Welt verändert werden kann, basierend auf den Ressourcen jeder einzelnen Person. „Nichts muss so bleiben wie es ist.“ Er sprach wirtschaftliche und sozial-relevante Fragen an und war der erste der zu einem bedingunglosen Grundeinkommen anregte, die Grünen mitgründete. Beuys ist heute so relevant wie noch nie, da er schon damals die Notwendigkeit eines neuen Humanismus anprangerte, den wir auch in der heutigen postfaktischen Zeit dringend benötigen.

Als Zuschauer hat man am Ende Sehnsucht nach einer solchen Ikone und blickt sich vergebens nach ihnen um, sieht man doch weit und breit niemanden, der (seit Christoph Schlingensiefs Tod) mit einer solchen Strahlkraft auf seine Umwelt einwirkt. Das stimmt extrem nachdenklich und lässt in einem den Wunsch aufkommen, man wäre zu einer früheren Zeit geboren worden, aber es lässt auch das Bedürfnis in einem entstehen, Dinge selber in die Hand zu nehmen. Auf geht es in den Hamburger Bahnhof in Berlin, wo einige Werke von Joseph Beuys permanent ausgestellt sind.

 

Annika Kuhlmann
Ist Mitgründerin von THE VORTEX und Kulturmanagerin. Sie studierte Nordamerikanistik, Publizistik und Psychologie (im Nebenfach) an der FU Berlin. Am liebsten schreibt sie über Tanz/-Theater, Dokumentar-Filme, Feminismus und Zwischenmenschliches und führt für ihr Leben gerne Interviews. Nebenbei ist sie auch für das Marketing verantwortlich.

Dieser Beitrag hat 0 Kommentare

Hinterlassen Sie einen Kommentar