THE VORTEX

Berlinale #3 – Von hässlichen Menschen

Die Regisseurin Malgorzata Szumowska erzählt in Twarz auf zynische Art und Weise vom Schicksalsschlag eines jungen Mannes in einem polnischen Dorf, der sich einer Gesichtstransplantation unterziehen muss. Den silbernen Bären Großer Preis der Jury erhielt sie für den Film zu Recht!

Jazek lebt in einem kleinen, polnischen Dorf und mag Heavy Metal Musik. © Bartosz Mronzowski

Jacek lebt in einem kleinen, polnischen Dorf und mag Heavy Metal Musik. © Bartosz Mronzowski

Jacek lebt in einem kleinen, katholischen Dorf in Polen. Er hat lange Haare, liebt Heavy Metal, seinen Hund und die schöne Dagmara, die aus dem gleichen Dorf kommt wie er. Sie wollen heiraten, doch eigentlich zieht es ihn hinaus in die Welt ins aufregende London. Seine Familie findet das jedoch garnicht gut und macht Druck. Sie erwarten, dass er endlich seine lange Haare abschneidet und Enkelkinder in die Welt setzt. Doch zunächst muss die übergroße Jesusstatue fertig gebaut werden, auf die alle im Dorf wahnsinnig stolz sind, denn sie soll größer werden, als die aus Rio de Janero. Jacek arbeitet also fleissig weiter an der Statue, bis er eines Tages bei der Arbeit einen schweren Unfall erleidet und ins Krankenhaus kommt. Er ist so schwer verletzt, dass er eine Gesichtstransplantation bekommt. Die erste in Europa dieser Art. Alles verläuft gut und Jazek erlangt große mediale Aufmerksamkeit, fühlt sich wie ein nationaler Held.

Doch in seinem Dorf weht ein anderer Wind. Jacek sieht sich mit Gelächter und Spott konfrontiert. Sogar seine eigene Familie stört sich an ihm und hat Berührungsängste. Seine Verlobte meidet ihn und sucht sich einen anderen Lover. Die Kinder des Dorfes jagen hinter ihm her, wie zuvor hinter einem abgehackten Schweinekopf. Nur seine Schwester hält zu ihm, wenn auch mehr aus Anstand, als aus innerer Überzeugung. Erbarmungslos zeigt der Film auf satirische Art und Weise, wie Jacek immer schwerer mit seinem neuen Gesicht samt Sprachfehler leben kann, sich immer mehr zurückzieht. Aus einem anfänglichen Helden, wird ein trauriger, gebrochener Mensch, der zum Opfer einer katholisch geprägten, heuchlerischen Gesellschaft wird.

Małgorzata Szumowska bekommt für ihren Film Twarz den Silbernen Bären der Großen Jury 2018. © Richard Hübner/ Berlinale 2018

Frauen im Film auf dem Vormarsch: Małgorzata Szumowska war bereits 2013 mit W imie… im Wettbewerb vertreten und gewann den Teddy Award. Ihr Film Body gewann 2015 den Silbernen Bären für die Beste Regie. © Richard Hübner/ Berlinale 2018

Malgorzata Szumowska stellt gekonnt überspitzt und mit viel Humor dar, wie eine bigotte Gesellschaft sich mittels des katholischen Glaubens die eigenen Lügen und Sünden zurechtrückt, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Die wunderschön gefilmten Naturaufnahmen stehen im Kontrast zu den hässlichen Charakterzügen der Dorfbewohner und machen dies noch deutlicher. Ein bisschen verliert sich der Film nach dem Unfall Jaceks ins Chaotische und kann den anfänglichen Drive nicht wirklich aufrechterhalten. Doch dieses Chaos passt zur Gefühlslage des Protagonisten.

Viele sahen Twarz im Vorfeld als den heimlichen Gewinner voraus. Sie wolle mit ihrem Film auf die Probleme aufmerksam machen, mit denen sich ganz Europa konfrontiert sehe, sagte die Filmemacherin auf der Pressekonferenz. Wir gratulieren Malgorzata Szumowska recht herzlich zu diesem Vorhaben und diesem Preis!

 

 

Annika Kuhlmann
Ist Mitgründerin von THE VORTEX und Kulturmanagerin. Sie studierte Nordamerikanistik, Publizistik und Psychologie (im Nebenfach) an der FU Berlin. Am liebsten schreibt sie über Tanz/-Theater, Dokumentar-Filme, Feminismus und Zwischenmenschliches und führt für ihr Leben gerne Interviews. Nebenbei ist sie auch für das Marketing verantwortlich.

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