THE VORTEX

Berlinale #4 | Die Party

Der britische Wettbewerbsbeitrag The Party von Sally Potter ein Kammerspiel in schwarz-weiß mit prominenter Besetzung – besticht durch schlagfertige weibliche Charaktere, witzige Dialoge und vor allem einfallsreiche dramaturgische Wendungen.

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Bill liebt es seine alten Platten aufzulegen. Foto: Oxwich Media Limited/ Adventure Picture Limited

Die 67. Berlinale stünde ganz im Zeichen der Komik – „Unterhaltung mit Haltung“ so Dieter Kosslik bei der Eröffnung des Festivals. So sorgte auch The Party für ausreichend Gelächter im Berlinale Palast. Eine Tür geht auf und empfangen wird der Zuschauer von einer außer sich wütenden Frau (Kristin Scott Thomas), eine Waffe in der Hand, frontal auf uns gerichtet. Doch der Reihe nach. Ein paar Stunden zuvor: Janet (Kristin Scott Thomas), Politikerin der britischen Oppositionspartei, steht in der Küche und kocht. Ununterbrochen nimmt sie zunächst lieber gut gelaunt ihr klingelndes Handy in die Hand als eine Waffe um Glückwünsche zu ihrem beruflichen Aufstieg entgegen zu nehmen. Parallel hierzu wird ihr Mann Bill (Timothy Spall) im Nebenzimmer eingeblendet, ein Glas Rotwein in der Hand auf dem Stuhl zusammen gesackt, legt er alte Platten aus besseren Zeiten auf (ein grandioser Soundtrack). Genervt reagiert er auf die erfreute Stimme seiner Frau, die aus der Küche erklingt. Man wundert sich, der ist doch nicht etwa neidisch auf den Erfolg seiner Frau? Wohl doch und er wird nicht der einzige bleiben. Nach und nach trudeln ein paar Partygäste ein, das ungleiche Paar die zynische April (souverän gespielt von Patricia Clarkson) und der deutsche Yogi Gottfried (ein sehr witziger Bruno Ganz), das lesbische Paar Martha (Cherry Jones) und die viel jüngere Jinny (Emily Mortimer) und der Unternehmensberater Tom (Cilian Murphy) ohne seine Frau, die später nachkommen will. Sie alle bringen eine gewisse Angespanntheit mit sich. Schnell stellt man fest, fast alle haben eine Leiche im Keller und heute Abend wird die Bombe hoch gehen. Und so kommt es dann auch. Nach und nach versuchen sie sich gegenseitig die Show zu stehlen, sich verbal zu toppen, bis Bill mit seiner Beichte alle in den Schatten stellt. Aus einer Party wird eine Abend der Abrechnung, an dem sich alle nackig machen. Und wo bleibt eigentlich Toms Frau?

Weitere aktuelle Rezensionen zur Berlinale finden Sie in unserem Film-Ressort | Velvet Creative Office © Internationale Filmfestspiele Berlin

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Das ganze erinnert einen ein bisschen an Woody Allen oder noch mehr an den Gott des Gemetzels einer Yasmina Reza. Doch hier sind auffällig witzigere und schlagfertigere Dialoge am Start und einem wirklich bitter-süßem Spannungsbogen, der zum Ende eine überraschende, unvorhersehbare Wendung annimmt. Die Dialoge sind anspruchsvoll, gar philosophisch und ergründen das Innenleben der Protagonisten und auch so manches wissenschaftliche Thema. Aber vor allem besticht der Film durch die starken Frauenrollen. Der Blick der Regisseurin ist weiblich. Die Beziehungen und das Band zwischen den Frauen sind stark. Hier trifft man ein paar echte Post-Feministinnen, die ohne Männer garnicht wollen und sie auch nicht als Feind ansehen („Men are not the enemy“). Die Frauen haben ihre Männer schon lange unter Kontrolle und der Machtkampf wird längst mit dem eigenen Geschlecht auf Augenhöhe ausgetragen. Die Männer können leider garnicht gut damit umgehen und kommen eher schwächlich daher. In dieser Persiflage über den Feminismus, sind Frauen die wahren Heldinnen der Geschichte und bleiben sowieso unter sich, wenn Tacheles geredet wird. Erfrischend und vor allem sehr erheiternd ist dies. Ein heißer Anwärter auf den Bären.

Kristin Scott Thomas als Janet in „Die Party“ | Foto: Oxwich Media Limited/ Adventure Picture Limited

Kristin Scott Thomas als Janet in „Die Party“ | Foto: Oxwich Media Limited/ Adventure Picture Limited

Annika Kuhlmann
Ist Mitgründerin von THE VORTEX und Kulturmanagerin. Sie studierte Nordamerikanistik, Publizistik und Psychologie (im Nebenfach) an der FU Berlin. Am liebsten schreibt sie über Tanz/-Theater, Dokumentar-Filme, Feminismus und Zwischenmenschliches und führt für ihr Leben gerne Interviews. Nebenbei ist sie auch für das Marketing verantwortlich.

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