THE VORTEX

Berlinale #5 | Reise an die Ränder des Geschehens

In Travis Mathews’ Film „Discreet“ ziehen Traumata, die von sexueller Gewalt und Alt-Right-Einstellungen herrühren, weite Kreise bei den Opfern.

In Travis Mathews‘ „Discreet“ wird John (Bob Swaffar) von seinem Missbrauchsopfer Alex (Jonny Mars) gefüttert. | Foto: Deias & Ideias Produções Artisticas

In Travis Mathews‘ „Discreet“ wird John (Bob Swaffar) von seinem Missbrauchsopfer Alex (Jonny Mars) gefüttert. | Foto: Deias & Ideias Produções Artisticas

Fett brutzelt der Bacon zu Beginn von Travis Mathews neuem Film „Discreet“ in der Pfanne. Im Lauf des Films wird sich herausstellen, dass der umherziehende Alex (gespielt von Jonny Mars) ihn für seinen früheren Vergewaltiger John (Bob Swaffer), der jetzt Pflegefall ist, zubereitet. Viel ist passiert seit seiner Jugendzeit, man erfährt es aus den disparaten Schnipseln, die der Regisseur uns in klar strukturierten Bildern liefert.

Alex, der in seinem Van umher zieht und die von der Moderne geprägte amerikanische Landschaft mit ihren Autobahnen und Brücken in glatten Bildern abfilmt, erfährt erst Jahrzehnte später von seiner alkoholabhängigen Mutter, dass sein Vergewaltiger noch lebt. Sie hatte ihm erzählt, dieser sei tot, in der Hoffnung, er könne seine Missbrauchserfahrung besser hinter sich lassen. Doch leider ist dies nicht derart einfach und Alex leidet noch immer an posttraumatischen Belastungsstörungen. Er findet in den Videos von Mandy (Atsuko Okatsuka) und ihres Unternehmens „Gentle Rythms“ Zuspruch, in denen sie mit ihrer zarten, über absurde Geräusche gelegten Stimme positive Banalitäten wispert, wie z.B.: „It’s o.k., it’s gonna be o.k.“.

Aufgrund seines neuen Kenntnisstands möchte er jedoch endlich alles komplett verarbeiten und fährt zu seinem Vergewaltiger, einem mittlerweile wehrlosem Greis, gibt sich dem Betreuer gegenüber als Verwandter aus und zieht bei ihm ein. Er nimmt seine Heilung selber in die Hand und konfrontiert sich mit dem Ort des Geschehens und damit seiner eigenen Geschichte. Durch die fehlende professionelle Hilfestellung und Rachetaktiken wird er nun selbst mehrfach zum Täter.

Weitere aktuelle Rezensionen zur Berlinale finden Sie in unserem Film-Ressort | Velvet Creative Office © Internationale Filmfestspiele Berlin

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Durch seine experimentell umgesetzte und streckenweise nur andeutungsweise vorhandene Handlung bleibt dem Zuschauer zum Glück das Brutalste erspart. Der Film ist in einer klaren Bildsprache arrangiert, die in ihren Szenen nichts verschleiert. Dafür arbeitet sich der Film an seiner Montage der Szenen und der komplexen Fügung von Sound und Bildern ab. Dabei wäre weniger Experiment und etwas mehr Konventionalität oft auch mehr gewesen. Der Film wirkt streckenweise sehr „artsy“ und durch seine Fokussierung auf sehr wenige Darsteller, von denen selten mehr als zwei im Bild zu sehen sind und ziemlich wenig gesprochen wird, eher für eine Videoinstallation als fürs Kino gemacht. Das auf Suspense angelegte Sounddesign wirkt teilweise überdosiert und trägt gelegentlich zu einer unfreiwilligen, surrealen Komik bei, die dem Film nicht gut tut, z.B. wenn dauernd Telefone klingeln und entweder niemand dran ist oder schon niemand mehr abnimmt. Gegen Ende wird der Film zu seinem Vorteil wieder etwas stringenter und ein Plot ist wieder mehr als nur erahnbar. Dabei bleibt der Film aber immer schmerzhaft neutral und man wünscht sich an vielen Stellen mehr Anteilnahme für die Figuren oder eine eindeutige Positionierung des Regisseurs.

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Norbert Bayer
Ist Mitgründer von THE VORTEX und schreibt am liebsten über Kunst, Filme, Literatur und weiteres. Er mag das Geräusch, wenn man mit dem Fahrrad über lose Pfastersteine fährt.

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