THE VORTEX

„Concepts of Visual Poetry Confronting Real Times“

Die Ausstellung „Concepts of Visual Poetry Confronting Real Times“ in Kassel portraitiert eine Generation von chinesischen Künstlern und Künstlerinnen aus Hangzhou, die eindringlich von Krisen und Konflikten erzählen und nicht nur mittels ihrer universellen Poesie ausdrucksstark von ihrer Zeitgenossenschaft zeugen.

Xu Jiang 许江: „Depths Of Winter 冬 远“, Tuschezeichnung, 16-teilige Serie, jeweils 58 x 78cm, 2005 | © Xu Jiang 许江

Xu Jiang 许江: „Depths Of Winter 冬 远“, Tuschezeichnung, 16-teilige Serie, jeweils 58 x 78cm, 2005 | © Xu Jiang 许江

Unter dem zunächst spröde anmutenden Ausstellungstitel „Concepts of Visual Poetry Confronting Real Times“ versammelte die Kunsthistorikerin und Kuratorin Ursula Panhans-Bühler im Kasseler Palais Bellevue, das auf einer Anhöhe am Rande der Karlsaue liegt, Werke von 17 Künstlerinnen und Künstler der China Academy of Art in Hangzhou (中国美术学院) inklusive deren Präsidenten. Ganz dem Motto der Hochschule verpflichtet, das „Sich tatkräftig zusammentun; das Bestehende erforschen, um Neues zu schaffen“ (團結 奮進 求實 創新) lautet, wurden für diese Ausstellung, die das komplette Haus über drei Stockwerke einnimmt, Positionen und Techniken ausgewählt, die zum einen fast ausschließlich experimentelle Videoarbeiten sein wollen und sich zum anderen auf eines der ältesten und am verbreitetsten Genres der Kunstproduktion überhaupt beziehen – die Darstellung von Landschaft.

Gleich am Anfang des Rundgangs werden die Besucher und Besucherinnen mit zwei Positionen überrascht, die gegensätzlicher nicht sein könnten: Im ersten Raum linkerhand stellt der Präsident der Hochschule Xu Jiang 许江 selbst seine Tuschezeichnungen von teils eingezäunten Plantagen von Sonnenblumen aus, die bei uns an Hopfen- und Rebenpflanzungen erinnern. Seine harschen und düsteren Ansichten einer agrarisch geprägten Kulturlandschaft spiegeln exemplarisch und im europäischen Kontext gesehen über Jahrhunderte und über Kontinente verbreitete entwickelte Traditionen wieder, bei der trotz stetiger Industrialisierung in der Lebensmittelproduktion der Anteil der Handarbeit bisher nicht nennenswert gesenkt werden konnte und die auch sehr spezielle Bedingungen brauchen, um überzeugende oder gar hervorragende Ergebnisse zu erzielen. Es drängt sich hierbei gerade auch im Kunstkontext das Sprachbild des „Jahrgangs“ auf, der nicht nur bei Winzern zur Einteilung ihrer Ergebnisse verwendet wird, sondern z.B. auch an Kunsthochschulen kursiert, wenn es darum geht, das vermeintlich Gemeinsame innerhalb einer sich zyklisch erneuernden Gemeinschaft zu beschreiben. Dieser Blickwinkel stellt sich vor allem dann ein, wenn Lehrende oder Leiter von Kulturinstitutionen sich als Meister ihres Berufsfeldes sehen und die Studierenden oder Stipendiaten als bloses Material, das sie durch ihre Arbeit zu formen, zu kultivieren und zu veredeln gedenken. Dass Xu Jiang 许江 unter diese Kategorie fällt, ist zunächst einmal nicht anzunehmen, denn sonst hätte er vermutlich die Ergebnisse seiner Kultivierungsarbeit nicht unter dem Titel „Depths Of Winter“ 冬 远 als vertrocknete Gewächse und in ihrer ruhenden Zwischenperiode, sondern vielleicht eher in sommerlicher Blüte und auf dem Höchststand ihrer Kräfte dargestellt.

Xu Jiang 许江: „Depths Of Winter 冬 远“, Tuschezeichnung, 16-teilige Serie, jeweils 58 x 78cm, 2005 | © Xu Jiang 许江

Xu Jiang 许江: „Depths Of Winter 冬 远“, Tuschezeichnung, 16-teilige Serie, jeweils 58 x 78cm, 2005 | © Xu Jiang 许江

Aus einem westlichen und besonders deutschen Blickwinkel betrachtet, erinnern die Werke Xu Jiangs 许江 auch an die Werke von Anselm Kiefer, der erst 2016 im CAFA-Museum für zeitgenössische Kunst in Peking, das für chinesische Verhältnisse nahe bei Hangzhou liegt, ausgestellt wurde und dessen Ausstellung beim Kunstpublikum großen Anklang fand. Vor allem aber erlangte sie dadurch besondere Öffentlichkeit in den Medien, dass der Künstler sich lautstark darüber beschwerte, dass diese Schau nicht von ihm autorisiert worden war.

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Norbert Bayer
Ist Mitgründer von THE VORTEX und schreibt am liebsten über Kunst, Filme, Literatur und weiteres. Er mag das Geräusch, wenn man mit dem Fahrrad über lose Pfastersteine fährt.

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