THE VORTEX

Beim nächsten Mal wird alles anders

Heike-Melba Fendel lässt die Protagonistin ihres Romans „Zehn Tage im Februar“ in die Welt des Films abgleiten und über die Liebe schwadronieren. Was für ein Irrweg!

Heike-Melba Fendel: «Zehn Tage im Februar», Blumenbar Verlag

Heike-Melba Fendel: „Zehn Tage im Februar“, Blumenbar Verlag

Eine Frau, eine Straße, ein Leben, eine Welt. Diese Zutaten können ausreichen für einen Roman, auch für einen Liebesroman. Heike-Melba Fendel wandelt diese Komponenten ab in: Eine Filmjournalistin, der Stadtteil Tempelhof in Berlin, eine erschlaffte Beziehung, die Welt der Filme und der Filmindustrie. Dies reicht für ihren Roman „Zehn Tage im Februar“, der gerade im Blumenbar Verlag erschienen ist. Irgendwie halbwegs zumindest.

Besagte Frau wird von ihrem Mann, der das ganze Buch über lediglich „der Mann“ bleibt, verlassen. Um genau zu sein: Vorübergehend für angekündigte zehn Tage verlassen, denn er möchte für diesen Zeitraum ausziehen, weil die Frau Filmjournalistin und während der Berlinale so gut wie nie zuhause, sondern dienstlich unterwegs ist. Das stört den Mann und er quartiert sich während dieser Zeit aus und ermöglicht der Frau ihre Freiräume. Eigentlich zuvorkommend von ihm und praktisch für sie, sollte man meinen. Aber weit gefehlt.

Das Selbstbewusstsein der Frau ist angeknackst, vermutlich weil sie sich angewöhnt hat, zu bestimmen und der Mann ansonsten, soweit beschrieben, sonst ihre Launen brav mitträgt. „Ich werde nicht gerne in Irrtümer eingebunden.“ Weil sie ohne ihn nicht mehr passiv-aggressiv die Vorhänge zupfen kann? „Er glaubt, ich sei hysterisch. Ich finde, er denkt zu symmetrisch.“ Weil sie ihre Langeweile nicht mehr nur auf den Mann schieben kann? Weil sie Drama braucht? „Ich will 111 Anrufe in Abwesenheit. Ich will schreien, bis der Hals schmerzt, bis der Nachbar zur Rechten denkt, ich würde abgeschlachtet.“ Weil der Mann als Erster aus der abgeflauten Beziehung ausgebrochen ist und nicht sie und er sich damit ihrer Kontrolle entzieht?

Zehn Tage lang Zeit genug für die Frau, sich die Wunden zu lecken und sich in Rückblenden auf ihren Werdegang in der Filmbranche ihrer Errungenschaften zu vergewissern und dabei über die Liebe an und für sich zu räsonieren und diese mittels Filmen zu analysieren. Und das „das Begehren“ natürlich. Die Autorin lässt es die Frau auf eine Weise diskutieren wie früher Staub in WG-Küchen diskutiert wurde: Woher kommt es? Wohin geht es? Und vor allem: Wer macht es genau weg? Die küchenpsychologisch aufgeladene Theorie hilft dabei: „Mit meinem Körper verfährt er ähnlich. Er verbindet ihn mit seinem Begehren, das, durch das meine befeuert, ein Miteinander ergibt, das ihn von mir und damit von seiner Angst befreit.“

Bevor sie mit einem Jurymitglied, das sie seit ihrer Jugend wie ein Groupie anhimmelt, ins Bett steigt, wird dann noch die Vorvorvorgeschichte der Frau erklärt: Sie soll in ihrer Jugend Stripteasetänzerin in New York gewesen sein. Bis zu diesem Teil des Buchs fühlte man sich streckenweise gut unterhalten – Unterhaltung mit großem U. Aber mit dieser Volte rutscht Fendel leider lediglich in den Boulevard ab. Dabei sollte dieser Kunstgriff wohl beweisen, wie selbstbewusst und professionell die Frau mit Sex, Körpern und deren gezieltem Einsatz arbeiten und sich darüber hinaus äußerst reflektiert auf einer theoretisierenden Metaebene bewegen kann und dass sie eben nicht nur einfach mal so einen One-Night-Stand hat. Es soll suggeriert werden, dass die Frau damit eine Strategie verfolge. Fragt sich nur welche das sein sollte, außer der althergebrachten, Sex als Waffe einzusetzen zu können – gegen andere oder unbeabsichtigt auch gegen sich selber.

Wäre es ein Film, würde man einfach rausgehen, aber so bringt man das Aussichtslose doch noch zu Ende und erfährt, dass die Frau kurz vor der erneut angekündigten Rückkehr ihres Mannes einfach in den Bus steigt und den Leser ratlos zurück lässt. Würde man Bücher persönlich nehmen, wie die Protagonistin es mit Filmen hält – nämlich wie eigene Erlebnisse oder mit Freunden geteilte – man könnte sich glatt beleidigt fühlen.

Heike-Melba Fendel | Foto: Jennifer Fey/ Blumenbar Verlag

Heike-Melba Fendel | Foto: Jennifer Fey/ Blumenbar Verlag

Tut man aber vielleicht besser einfach nicht. Sondern man versucht lieber, die Kritik so geschickt zu dosieren, bis sie ermutigend wirkt. Heike-Melba Fendel gelingt mit der Schilderung ihrer Protagonistin eine gelungene Persiflage auf eine Persönlichkeit, die sich selber aus vermeintlichen Zwängen zu befreien versucht. Leider sind diese jedoch letztendlich nur abgedroschenen Phantasien der Eingeschränktheit und Benachteiligung, um sich darin ergebnislos selbst zu bespiegeln. Denn wirkliche Versuche, Freiheit und Selbstbewusstsein zu erlangen, kommen anders daher, als den durch die eigene Mittelmäßigkeit und Bequemlichkeit entstandenen Selbsthass auf andere abzuleiten, v.a. wenn man grundsätzlich sehr wohl weiß, mit ihnen umzugehen und diese für eigene Zwecke zu manipulieren. Die Frau möchte zwanghaft besonders sein und in erster Linie für andere etwas bedeuten – und wird gerade dadurch besonders banal und brutal durchschnittlich: „Sie wollte wissen, was wir alle wissen wollen: dass wir hübsch sind, dass es ausreicht, unser Hübschsein, damit wir genügen.“

Vielleicht möchte Heike-Melba Fendel, von der man diverse kluge und geistreiche Essays lesen kann, einfach die Erwartungen an sie als Autorin von Literatur unterwandern? Und sich die erzählerische Freiheit nehmen, eine grob klischierte Figur zu entwerfen, welche etwaige Ansprüche, die auf der Hand liegen, wenn man sich in einer kreativen Branche bewegt, die sich obsessiv mit einer geforderten Frauenquote beschäftigt, absichtlich nicht bedient? Vielleicht wären diese Komponenten gerade zu unvorteilhaft oder gar schädlich für einen Liebesroman, wenn man das Konzept von Liebe als Schutzraum für selbst gewählte Abhängigkeit und unreflektierter Direktheit definierte?

Wie dem auch sei: Liebevoll und empfindsam beschreibt Fendel die Persönlichkeiten ihrer weiblichen Figuren und ihre Beziehungen untereinander; zärtlich und zugeneigt ist sie ihnen und es macht Spaß diese Stellen zu lesen. Oft ist der Roman in seiner comicartigen Holzschnitthaftigkeit witzig und hat Tempo – Langeweile kommt selten auf. Aber ganz ehrlich, die Sache mit der Selbstdarstellerin, der die Bühne fehlt, der das Publikum davon läuft und deren Dramen somit ins Leere laufen, ist so attraktiv auch wieder nicht.

Norbert Bayer
Ist Mitgründer von THE VORTEX und schreibt am liebsten über Kunst, Filme, Literatur und weiteres. Er mag das Geräusch, wenn man mit dem Fahrrad über lose Pfastersteine fährt.

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