THE VORTEX

„Ich bin eher der Typ der nach vorne blickt“

Nina Hoss über die Dreharbeiten mit Volker Schlöndorff, ihre Erfahrung mit der Serie Homeland und den Umgang mit den Dämonen der Vergangenheit

Rebecca (Nina Hoss) läßt in Montauk eine alte Beziehung wieder aufleben | © Wild Bunch Germany 2017, Foto: Ann Ray

Rebecca (Nina Hoss) läßt in Montauk eine alte Beziehung wieder aufleben | © Wild Bunch Germany 2017, Foto: Ann Ray

Annika Kuhlmann: Frau Hoss, wie gehen Sie generell bei der Auswahl ihrer Rollen vor und was hat Sie an der Rolle der Rebecca in Rückkehr nach Montauk gereizt?

Nina Hoss: Am meisten interessieren mich Figuren die sich mir beim Lesen nicht immer sofort erschliessen. Menschen bei denen ich etwas spüre und mich frage, was steckt dahinter? Bei der Rolle der Rebecca war das auch so. Bei ihr fiel mir gleich auf, dass sie sehr aus dem Blick des Protagonisten Max (Stellan Skarsgård) betrachtet wird. Ich habe beim Lesen des Drehbuches gehofft, dass der Zuschauer sie auch selber entdecken darf und am Ende kommt es ja auch so und da wusste ich, dass ich etwas mit ihr anfangen kann.

Rebecca, die Protagonistin, trifft Jahre später in New York auf ihren Ex-Partner Max, der sie damals unvorhergesehen verlassen hatte und mit dem sie jahrelang keinen Kontakt hatte. Auf Long Island konfrontieren sie sich miteinander und mit der Vergangenheit. Sie scheint mir am Ende sehr gebrochen, eine recht tragische Figur zu sein, aber auch sehr unabhängig. Wie haben Sie sie wahrgenommen?

Ja, wir erleben sie in einem tragischen Moment ihres Lebens, aber diese Begegnung mit Max ist vielleicht gerade richtig. Ich hatte das Gefühl, dass sie schon sehr fassungslos ist über ihn und sein Verhalten und auch über das was damals passiert ist. Sie lebt ein einsames Leben mit ihren drei Katzen. Doch sie will sich der Sache noch einmal stellen. Diese Begegnung kommt mir vor wie eine Art Waschung. In der Figur steckt für mich Verzweiflung, aber auch eine große Erleichterung. Am Ende sitzt sie da wieder mit ihrer Katze und ich habe das Gefühl sie kommt schon klar. Sie findet zu sich und ihren Emotionen und kann dann neu ins Leben blicken. Ich finde die zwei Frauen, Clara (Susanne Wolff) und Rebecca, gehen erstarkt aus der Geschichte heraus. Max ist derjenige, der eher schwach rüberkommt.

Max (Stellan Skarsgård) ist mit seiner Freundin Clara (Susanne Wolff) beruflich in New York | © Wild Bunch Germany 2017, Foto: Franziska Strauss

Max (Stellan Skarsgård) ist mit seiner Freundin Clara (Susanne Wolff) beruflich in New York | © Wild Bunch Germany 2017, Foto: Franziska Strauss

Worin liegt denn der Reiz für Max mit Rebecca Dinge noch einmal aufleben zu lassen? Was für ein Charakter ist er?

Max ist ein typischer Autor. Er ist jemand der sein Leben mit einem jungenhaften und träumerischen Blick lebt und alles in Fiktionen verwandelt, was ihn umgibt. Alles ist für ihn immer ein bisschen größer, als es wirklich ist. Das hat einerseits eine Faszination, weil man sich dadurch eine Naivität und Frische beibehält, andererseits geht es oft auf Kosten anderer. Max reflektiert nicht, was bei seinem Gegenüber wirklich passiert. Deswegen denkt er auch, dass er sich in der Zwischenzeit nicht verändert hat. Er hat leider überhaupt nichts begriffen. Er ist sich keiner Schuld bewusst. Und dann kommt die Frage auf, ob man über gewisse Dinge einfach hinwegsehen kann? Es noch einmal miteinander versuchen kann? Ist das überhaupt möglich, Vergangenes auszublenden?

Genau, es geht um den Versuch die Vergangenheit wieder zurück zu holen, Fehler im Leben korrigieren zu wollen, die man gemacht hat – getane und ungetane Dinge im Leben, Reue. Ist das eine Einstellung, welche Sie nachvollziehen können oder sind Sie eher der Typ der gut mit Dingen abschliessen kann?

Ich habe so eine Geschichte nicht erlebt, aber ich denke, ich bin eher der Typ der nach vorne blickt. Fehler die man gemacht hat, zu denen müsste man dann stehen und dürfte sie nicht klein reden. Aber zurück zu gehen und an einem Punkt noch einmal anzusetzen, das würde mich nicht wirklich interessieren. Ich habe auch intuitiv das Gefühl, das geht gar nicht. Es wird immer anders sein.

Haben Sie nach der Fertigstellung eines Films oft das Gefühl komplett abgeschlossen zu haben mit ihrer Rolle?

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Annika Kuhlmann
Ist Mitgründerin von THE VORTEX und Kulturmanagerin. Sie studierte Nordamerikanistik, Publizistik und Psychologie (im Nebenfach) an der FU Berlin. Am liebsten schreibt sie über Tanz/-Theater, Dokumentar-Filme, Feminismus und Zwischenmenschliches und führt für ihr Leben gerne Interviews. Nebenbei ist sie auch für das Marketing verantwortlich.

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