THE VORTEX

Interview: „Bis zum letzten Atemzug ist alles möglich“

Die Regisseurin Kerstin Polte im ausgiebigen Gespräch über ihren neuen, wunderbaren Film Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?. Wir sprachen über Mut im Leben und im Umgang mit den Tod, unkonventionelle Familienkonstellationen und wie sie das serielle Erzählen revolutionieren möchte.

Charlotte (Corinna Harfouch) und Paul (Karl Kranzkowsky) entdecken sich neu und finden dabei wieder zueinander.

Charlotte (Corinna Harfouch) und Paul (Karl Kranzkowsky) entdecken sich neu und finden dabei wieder zueinander Alamode.

Annika Kuhlmann: Frau Polte, mit Ihrem Film „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden“ ist Ihnen eine sehr liebevolle, sensible Verfilmung eines schweren Themas gelungen. Charlotte (Corinna Harfouch) merkt eine Veränderung an sich und sieht sich schließlich mit einer schlimmen Krankheit konfrontiert. Vor allem aber muss auch ihre Familie (Meret Becker und Karl Kranzkowski) mit dieser neuen Situation klar kommen und on top mit ihren eigenen Problemen. Sie haben einen fantasievollen Film geschaffen und ein trauriges Thema gekonnt in eine Komödie gepackt. Wie kam es zu der Idee diesen schönen Film zu machen? 

Kerstin Polte: Der Anlass war leider ein trauriger. Mein Vater bekam eine Diagnose und ich wusste, dass ich mich langsam von ihm verabschieden muss. Das kam in einer Zeit, als er just pensioniert war. Meine Eltern gehörten schon immer eher zu der Kategorie Lebens-Aufschieber. Sie haben ihr Leben lang gespart und sich dann für die Rente vorgenommen, verrückte Dinge zu machen und zu reisen. Man kennt das ja, am Anfang ist es das Geld, das fehlt, dann ist es die Zeit, die einem fehlt. Man hatte viele Ausreden, warum man diese Dinge aufschiebt. Die Generation unserer Eltern hat das so gehandhabt. Obwohl, ich ertappe mich auch selber dabei, dass ich das so mache… Dann kam die Diagnose und das war erstmal ein großer Schock. Natürlich ist das so ein Moment, der dich das Leben ganz anders betrachten läßt, denn daran denkt man ja nicht. Das ist der zweite Punkt, man denkt immer man hat unendlich viel Zeit, dass das Leben unendlich lang ist. Man sagt sich, wenn man alles richtig macht, dann wird das auch alles. Wir wissen wir werden alle sterben, aber was machen wir denn dazwischen? Wie mutig oder laut leben wir? Wieviel versuchen wir? Das war mein Anlass dafür diesen Film zu machen.Diese Kombination daraus war der Anlass für die Idee zum Drehbuch und die Tatsache, dass der Tod in unserem Alltag nicht wirklich existiert. Außer herzliches Beileid kommt da oft nicht. Eine offene Auseinandersetzung findet mit dem Thema nicht statt.

AK: Dieser Kontrast zwischen der leichten Kunstwelt und der knallharten Realität, von der sie alle eingeholt werden, hat mir sehr gute gefallen. Dieses Wissen um eine tödliche Krankheit kann ja auch eine Chance sein, noch einmal ganz anders zueinander zu finden. Wie haben Sie das erlebt?

KP: Ich habe ab dem Zeitpunkt ganz anders auf das Leben geblickt und habe gemerkt es kann morgen vorbei sein, bei mir, bei allen und da habe ich gedacht, wie schade, kann man nicht auch anders leben? Wir sind dann als Familie sehr schön wieder zusammen gewachsen und auch bei meinen Eltern habe ich nach einer jahrzehntelangen Beziehung gemerkt, dass eine neue Liebe entstanden ist. Es war zwar ein trauriger Anlass, aber es hatte auch etwas sehr Schönes – beides zugleich. Wir haben dann auch bis zum Ende bei meinem Vater am Bett gesessen und uns Geschichten erzählt und ihm vorgelesen und auch gelacht. Der Tod hat so etwas Magisches wie die Geburt finde ich. Der erste und der letzte Atemzug. Ich glaube jeder der das einmal miterlebt hat, der wird bestätigen können, das der Tod was Magisches hat. Ich bin davon überzeugt, es gibt mehr da draussen, ich weiß nicht ob es Gott heißt, aber da ist was. Da ist Traurigkeit in einer solchen Situation klar, da kann aber auch Humor sein und da ist Liebe. Ich habe meinen Vater dann glücklich in den Tod begleitet und mir gesagt: dieser Film wird auf der Seite der Hoffnung stattfinden, mit viel Humor und viel Liebe. Mit einem Lächeln auf den Lippen. Bis zu unserem letzten Atemzug ist eigentlich fast alles möglich. Ob der Film jetzt real ist oder das alles nur in Charlottes Kopf passiert, das wissen wir nicht. Es ist Charlottes Wahrnehmung. Es ist aber auch egal, ob sie träumt oder nicht.

AK: Und wie kam es zu dieser grandiosen Besetzung? 

KP: Als der allererste Entwurf für das Drehbuch stand, wurde ich gefragt, wer denn meine Idealbesetzung wäre und ich sagte sofort: Corinna Harfouch. Wir haben sie angefragt und 48 Stunden später habe ich tatsächlich eine Zusage für ein Telefonat erhalten. Wir haben dann drei Stunden lang gesprochen. Es war Liebe auf das erste Wort. Wir haben dann verabredet, dass wir diesen Film machen müssen. Es gab dann doch noch einen dreijährigen Kampf um die Finanzierung. Solange man keinen Fernsehsender hat, bekommt man in Deutschland keine Förderung. Das war sehr mühsam, da man den Film nicht so eindeutig zuordnen kann – was ist es denn? Eine Tragikkomödie? Mir wurde geraten, mach doch lieber ein Drama und lass sie sich alle umbringen am Ende. Was soll das sein, ein Ensembelfilm? Mach doch lieber einen Film mit nur den beiden Hauptdarstellern.

Charlotte ist auf der Suche nach sich selbst ©Alamode

Charlotte ist auf der Suche nach sich selbst ©Alamode

AK: Ja genau, diese klassische Familienkonstruktion funktioniert bei denen nicht so richtig und in dem Moment wo die aufbricht, sieht man dass andere Konstellationen wie Vater und Tochter oder Oma und Enkelin viel besser auch mal alleine passen. Ist das als Kritik an der klassischen Familie zu verstehen und sollte man das einfach öfter mal zulassen, dass es anders auch gut klappen kann?

KP: Ich glaube auch, nicht nur in der Familie sondern auch in der Beziehung tut es total gut, wenn man mal was anderes zulässt und sagt, wir müssen uns mal kurz verlieren, um uns wieder zu finden. Und überhaupt wieder neu begegnen zu können. Diese Muster sind of so eingegraben, egal ob es meine Familie ist oder die meiner Kernfamilie, das sind immer dieselben Punkte. Man hört sich garnicht mehr zu, weiß schon ganz genau, was der andere sagen will. Und wenn der andere doch auf einmal etwas anderes sagt, hört man das schon garnicht mehr. Man hat sich nichts mehr zu sagen, aber oft spricht man auch nicht mehr weil man keine Worte mehr braucht um den anderen zu verstehen. Dieses neue Entdecken der Konstellationen, wie Vater-Tochter, das sind ja die beiden Autofahrer übrigens, die beiden Beifahrer sind die Oma und die Enkelin, das war mir wichtig.

Diese Familie hält zusammen, auch wenn es nicht immer einfach ist (v.l.n.r. Merit Becker, Sabine Timoteo, Gott, Corinna Harfouch, Karl Kranzkowski) ©Alamode.

Diese Familie hält zusammen, auch wenn es nicht immer einfach ist (v.l.n.r. Merit Becker, Sabine Timoteo, Bruno Cathomas, Corinna Harfouch, Karl Kranzkowski) ©Alamode.

AK: Was ich auch auffällig fand, dass der Vater dann garnicht so streng auftritt, wie man denken würde und man selber ist oft viel strenger mit sich, als die Eltern es sind, oder sein wollen. Eigentlich muss man seinen Eltern da auch mal eine Chance geben, aus diesen Rollen, in denen sie sich vielleicht garnicht so wohl fühlen, rauszukommen. Es gibt viele Moment im Film, in denen man sich selbst wieder findet. Die Darsteller agieren sehr natürlich. Oft hat man das Gefühl Ihre Kamerafrau hat einfach drauf gehalten, bei dem was die eh so gemacht haben. Als Zuschauer kommt man denen sehr nah, die Kameraführung ist fast intim. Die alten Konstellation werden also aufgebrochen, aber Gott steht dann doch über allem. Wie kommt es zu dieser konventionellen Perspektive?

KP: Naja, es ist ein sehr menschlicher Gott. Ein Gott der sich verknallt, der eine aufs Maul bekommt und es ist ein Gott, der im Prinzip auch fehlerhaft ist und sich langweilt, depressiv in der Ecke rumhängt, weil keiner mehr an ihn glaubt. Wenn man genau hinguckt, ist er immer geschminkt und hat lackierte Fingernägel. Der hat etwas Archaisches, aber er hat auch was Weibliches und er ist ein bisschen crazy. Ich denke er hat Freude daran, diese Familie durcheinander zu bringen und aber auch wieder zusammen zu bringen. Er hat im Grunde genommen keine Gottesmacht, aber er ist an einem Ort außerhalb der Zeit, wo sie sich treffen und da ist einen neue Begegnung möglich. Das ist ein schönes Bild was ich von ihm zeichnen wollte. Ich habe so eine Begegnung mal gehabt, im Urlaub nach einer Wanderung auf einer kleinen Insel, da saß ein einsamer Mann vor einer Kapelle und er hat uns irgendwas erklärt und danach habe ich gedacht, das war Gott und der ist auch verletzbar.

AK: Der langweilt sich und sagt, ihr hättet euch garnicht treffen sollen, das war ein Unfall. Vielleicht ist die Liebe ja nur ein Unfall? Der kommt sehr charmant rüber. Im Grunde genommen, können Kinder den Film auch wunderbar sehen, da viele ernste Themen schön veranschaulicht werden.

KP: Mein Sohn war in der Premiere. Der fand Gott auch großartig.

Gott ist gelangweilt, weil keiner mehr vorbei kommt ©alamode

Gott ist gelangweilt, weil keiner mehr vorbei kommt ©Alamode

AK: Die Musik ist toll. Sehr leicht, verspielt und berührend, eine tolle Zusammenstellung der Instrumente. Corinna Harfouchs Söhne Hannes Gwisdek und die Band Käptn Peng haben die gemacht und Merit Becker singt ganz wunderbar und musiziert auch selbst. 

KP: Die Zusammenarbeit mit den Musikern war sehr auf Augenhöhe, wir haben uns da gegenseitig inspiriert. Die Musik ist größtenteils vor dem Dreh entstanden, als der Film noch Monster hieß, was der Arbeitstiel war. Monster steht dafür, dass wir unsere Ängste viel zu oft unterdrücken und die werden dann so groß, dass man nur noch Tabletten nehmen kann und Airbags und Antibiotika – überall gibt es Solutions. Wenn diese Ängste dann doch auftauchen, können sie einen zu Tode erschrecken. Das Titellied ist mit das erste was entstanden ist, 3-4 Monate vor dem Dreh. Wir hatten uns mit Hannes, dem Sohn von Corinna getroffen und es war klar, die Musik passt. Wir wussten, es muss eine Lebendigkeit rein, etwas Authentisches und nichts Gelecktes. Hannes kam mit dem Vorschlag des Akordeons und dem Kontrabass, dann hat er eine Minikombo zusammengestellt und dann kam Meret Becker noch ins Spiel, die ein unglaublich rhythmisches Talent hat. Man geniesst es sehr ihr bei dieser Rolle zu zusehen, wie viel Spaß ihr das macht, diese Figur zu spielen. Sie will nicht so richtig erwachsen sein und trägt noch viel Kind in sich. Meret macht privat auch Musik. Sie hatte ihre ganzen Instrumente dabei, in einem kleinen Koffer, ihre Trompetchen und ihre Säge und damit Musik gemacht. Diese Geräusche, die kommen im Film immer wieder vor. Nach einer dreitägigen Session war klar, diese Kombination passt und da ist dann das Titellied entstanden. Ganz zum Schluss gibt es eine Szene in der Gott mit Charlotte tanzt und da gibt es immer Veränderungen im Rhythmus. Das ist live eingespielt, da ist kein einziger Schnitt drin. Solche Dinge sind mir total wichtig. Ich finde man merkt, ob etwas live oder echt ist, das hat eine gewisse Magie, die davon ausgeht.

Wer hat denn nun die Liebe erfunden und was, wenn es nur ein Unfall war? ©Alamode

Wer hat denn nun die Liebe erfunden und was, wenn es nur ein Unfall war? ©Alamode

AK: Wie sehen sie Ihre Rolle als weibliche Filmemacherin in Zeiten von #Metoo? Wie sind da ihre Erfahrungen mit der Branche?

KP: Ich bin Mitglied von ProQuote Regie und ich finde, zum Glück tut sich da wahnsinnig viel seit ein paar Jahren. ARD Redakteure wollen ja jetzt gerne die Quote erfüllen und sagen, wir haben das Problem, wir finden da einfach nicht genug Frauen. Das kann ja nicht sein! Mir hat natürlich noch nie jemand ins Gesicht gesagt, weil du eine Frau bist, kriegst du den Job nicht. So schlimm ist es zum Glück nicht. Ich habe eigentlich immer das gemacht, was ich wollte und das war für mich nie ein Problem, das auch umzusetzen. Aber na klar, es gab schon immer die Termine auf der Berlinale, zu denen man als Frau nicht eingeladen wurde und von denen die Männer mit tollen, neuen Aufträgen zurück kamen. Natürlich kennt man auch diese Machosituationen von der Uni und von Gesprächen. Ich glaube es wird allgemein besser, aber man muss immer ganz klar beobachten und wach sein, um rechtzeitig die Grenze zu ziehen. Wir müssen aber auch unter uns Frauen einfach mal ein besseres Networking und Miteinander lernen. Auch hinter der Kamera habe ich bei diesem Film ein starkes Frauenteam aufgestellt, meine Kamerafrau hat auch ihr Debut gemacht, Bühnenbild und Maskenbild sind weiblich, am Set waren die Assistenten männlich, alles mal umgekehrt. Und nach einer Woche hatten wir eine Beschwerde, von mehreren Männern. Ich wurde von der Produzentenseite darauf angesprochen, dass es doch sehr weiblich zugehen würde und ich dachte nur, mein Gott findet euch damit ab. Frauen kommunizieren halt anders unter Druck, das war aber auch schon der einzige Unterschied. Es ist ja auch wissenschaftlich erwiesen, warum wir gerne mit dem gleichen Geschlecht arbeiten, weil wir beim gleichen Geschlecht im Gesicht viel besser ablesen können. Der Lügendetektor funktioniert da einfach besser. Das ist ein Urinstinkt und ein Selbstschutz. Da wo eben viele Männer sitzen, passiert es, dass diese dann wiederum aus dem Grund lieber Männer einstellen. Frauen haben auch einen anderen Führungsstil, mit dem kommen Männer wiederum nicht so klar.

AK: Und das Thema #Metoo? Wie sehen Sie die Bewegung?

KP: Ich finde #Metoo nach wie vor sehr wichtig. Ich finde es total gut, dass das Thema auf den Tisch kommt. Ich kenne viele Geschichten auch von Jüngeren, die natürlich ganz viel tun würden um Rollen zu bekommen und auch Regiekollegen die so vorgehen. Die wissen teilweise garnicht so genau, wo da die Grenze ist, da muss man auf jeden Fall enorm aufpassen. Es ist ein sehr wichtiges Thema.

Kerstin Polte hat die Firma Serienwerk gegründet, weil sie im deutschen Serienwesen etwas verändern möchte ©Alamode.

Kerstin Polte hat die Firma Serienwerk gegründet, weil sie im deutschen Serienwesen etwas verändern möchte ©Alamode.

AK: Sie wollen das serielle Geschichten Erzählen revolutionieren. Was hat es damit auf sich?

KP: Tatsächlich möchte ich das. Ich bin ja Netflix Fan der ersten Stunde. Ich habe mit diesem Film einen Ensemblefilm gemacht und mag das serielle Erzählen sehr. Das bedeutet, dass man jemanden begleitet, tiefer einsteigen kann und Nebengeschichten erzählen kann, ohne einen schnellen Plot erzählen zu müssen. Ich wusste immer, das kommt irgendwann nach Deutschland und dann kam es nicht und ich war das Jammern satt, darüber dass die eigenen Ideen nicht gehört werden und habe dann einfach kurzerhand eine eigenen Firma gegründet. Ich bin großer Fan von gegenseitiger Inspiration im Story-Telling und das Ziel war einen Think Tank zu gründen. Wir haben einen Produzenten, der Ahnung von internationaler Finanzierung hat, der hat das in Form gegossen und wir haben jetzt die ersten Aufträge. Unser Ziel ist es, das im Team zu machen. Ich kämpfe auch sehr im politischen Sinne, wir werden von den Kultur- und Kreativpiloten von der Bundesregierung gefördert. In Deutschland ist es leider noch so, dass wir Entwicklungsbudgets von nur 2-3 Prozent vom Gesamtbudget haben, in Amerika sind es 14 Prozent. Wenn man Geld verdienen will mit einer Produktionsfirma, dann muss man drehen und dafür braucht man Förderung.

AK: Wie muss man sich das vorstellen, diese Zusammenarbeit im Team beim Serienschreiben?

Wir sind ein sehr unterschiedliches Team beim Serienwerk, ich finde es sehr spannend und ergiebig so zu arbeiten. Es ergibt auch total Sinn im Team zu schreiben, weil man am besten immer mit mehreren Personen um die Ecke denken kann, als wenn man da alleine sitzt. Das sind ja riesige Erzählgebilde. Ich gucke zum Beispiel immer bei einem Männerthema, dass da genug Frauen mitschreiben oder umgekehrt. Wir teilen die Figuren untereinander auf, zu denen wir den engsten Bezug haben und entwickeln die individuell. Dadurch entsteht eine Vielfalt und es stammt nicht alles aus derselben Feder. Ich finde es wichtig, dass man nicht sich selber immer zustimmt bei dem was man macht und sich auf die Schulter klopft, ach ne super Idee hattest du ja jetzt, sondern Feedback von außen zuläßt. Dann kriegt man auch Ecken und Kanten rein. Es gibt meiner Meinung nach zu wenig Vielfalt im deutschen Seriengeschäft. Das tolle an einer Serie ist, dass man mit der Figur mitlebt. Und das tolle an Netflix ist ja, dass die Serien ganz bestimmte Nischen ansprechen sollen und dürfen. Die Serien im deutschen Fernsehen sollen ja immer möglichst breit angelegt sein, damit sie viele ansprechen. Das finde ich sehr langweilig.

AK: Welche Projekte sind gerade so in Planung und was sind die Serientrends?

Wir machen viel Humoristisches beim Serienwerk, viele Sitcoms was schwer ist in Deutschland unterzubringen, wie zum Beispiel im Flüchtlingsheim oder auch im Drittligistenverein mit einer weiblichen Trainerin. ZDF Neo ist der einzige Sender, mit dem man so etwas machen kann, aber auch hier war das alles zu heikel. Über Fussball darf man keine Witze machen und über Flüchtlinge schon garnicht, das konnte ich dann auch nachvollziehen. Netflix und Amazon sind eher auf düstere Themen aus, da braucht man mit Humor nicht zu kommen. Dunkle Themen aus Deutschland verkaufen sich gut ins Ausland, für Humor ist das deutsche Fernsehen leider noch nicht bekannt. Sogar ARTE macht die lustigen Sachen in Frankreich und die deutschen Projekte sind die mit düsteren, gesellschaftspolitischen Themen. Es gibt einen deutschen Serienboom mit den alten Themen, viel neues wird da leider nicht ausprobiert. Ich denke es wird irgendwann kommen, aber es braucht noch ein paar Jahre. Die öffentlich-rechtlichen Sender werden sicher irgendwann durch andere, neue Formen unter Druck kommen und dann wird sich auch langfristig etwas ändern. Ich habe eine Serie jetzt in der Mache, die sich am Arbeitsamt abspielt, das kam gut an beim Sender. Der Wandel der Arbeit hat ja auch eine aktuelle Relevanz. Man darf sich da nicht entmutigen lassen. Ich glaube daran, dass das alles noch kommt und wird.

Frau Polte vielen Dank für das Gespräch!

Annika Kuhlmann
Ist Mitgründerin von THE VORTEX und Kulturmanagerin. Sie studierte Nordamerikanistik, Publizistik und Psychologie (im Nebenfach) an der FU Berlin. Am liebsten schreibt sie über Tanz/-Theater, Dokumentar-Filme, Feminismus und Zwischenmenschliches und führt für ihr Leben gerne Interviews. Nebenbei ist sie auch für das Marketing verantwortlich.

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