THE VORTEX

DDR, aber Fete: Mit Mode­mädchen und Party­prominenz durch Ost-Berlin

Jutta Voigt schreibt in ihrem Buch „Stierblutjahre“ die Geschichte der DDR-Boheme und nimmt uns mit in Bars und Cafés, die mittlerweile Vergangenheit sind. In ihren aufgezeichneten Erinnerungen bleiben der Zeitgeist und der Esprit ihres Milieus packend frisch und temperamentvoll lebendig. 

Jutta Voigt | Foto: Milena Schlösser/Aufbau Verlag

Jutta Voigt | Foto: Milena Schlösser/Aufbau Verlag

Beim Blick zurück auf die Zeit der Teilung hat Ost-Berlin in den geläufigen Darstellungen meistens einfach nur trist zu sein. Bunt allerhöchstens in ausgewählten DDR-Farben. Geschichten über diese Zeit sind so genannte „Ossi“-Komödien à la „Good-bye Lenin“ oder mit Pathos behaftet wie „Das Leben der anderen“ – dazwischen noch ein bisschen „Weissensee“.

Mit diesen Klischees räumt Jutta Voigt in ihrem neuen Buch „Stierblutjahre – Die Boheme des Ostens“, das soeben im Aufbau Verlag erschienen ist, auf. Sie blickt darin zurück auf die Künstler- und Bohemeszene Ost-Berlins, in der sie sich selber bewegte. Das Szeneleben in der DDR war ganz bestimmt nicht monoton und fad, wenn man ihrem Buch Glauben schenkt. Besonders dann nicht, wenn internationale Stars wie Françoise Sagan vorbei kamen, um „Bonjour“ zu sagen. Ihr Buch enthält persönliche Erinnerungen an die Partykultur in den Klubs und Bars der Hauptstadt der DDR und inszeniert deren Lokalitäten als Bühne für ihre Protagonisten: die In-Crowd und das Partyvolk des Nachtlebens. „Stierblut“ war der in der DDR am weitesten verbreitete Rotwein, der aus Ungarn stammte, womit bereits ein wesentlicher Kitt dieser Szene benannt ist, der sie zusammen hielt: Der Alkohol.

Jutta Voigt: „Stierblutjahre – Die Boheme des Ostens“, Aufbau Verlag

Jutta Voigt: „Stierblutjahre – Die Boheme des Ostens“, Aufbau Verlag

Madleen, Voigts Alter Ego in diesem Buch, studiert, wie die Autorin es tat, an der Humboldt-Universität Philosophie und arbeitet später als Redakteurin beim „Sonntag“, der kulturpolitischen Wochenzeitung in der DDR, aus welcher der jetzige „Freitag“ hervorging. Ihr Freundeskreis ist dementsprechend in der Kulturszene der Theatermacher, Literaten, Künstler und im Studentenmilieu der Kunsthochschule Weissensee, u.a. mit den Modedesignstudentinnen, die sich selber „Modemädchen“ nennen, angesiedelt. Sie geniesst deshalb das Privileg, in den damals einschlägigen Kneipen zu verkehren.

In den frühen 1960 Jahren – also der Zeit um den Mauerbau – gerät Madleen mit traumwandlerischer Sicherheit an jene Orte, an denen scheinbar unbeschwert gefeiert wird und trifft dort auf zahlreiche Prominente: Von Berthold Brechts Entourage bis Heiner Müller, von Manfred Krug bis Jurek Becker, von Cornelia Schleime bis Judy Lybcke, von Hanns Eisler bis zu den Thalbachs, Sven Marquard und Robert Paris. Über sie weiß sie als Kind ihrer Zeit auch jede Menge interessanten und unterhaltsamen Klatsch und Tratsch zu erzählen. Selbst die internationale Boheme schaute in den 60er und 70er anscheinend regelmäßig in Ost-Berlin vorbei: Jean-Paul Satre, Simone de Beauvoir, Yves Montand, Sophia Loren, um nur einige der im Buch erwähnten zu nennen.

Einer dieser bedeutenden Orte ist der Club „Die Möve“ in der Marienstrasse in direkter Nähe zum Berliner Ensemble, der vom Kulturbund der DDR betrieben wurde. Zu diesem und anderen Lokalen hatte nicht jeder Zutritt, sondern Verbände wie der Verband Bildender Künstler oder der Schriftstellerverband spielten hier die Türsteher. Dass die Staatsicherheit an den offiziellen Orten anwesend war, war den Besuchern der einschlägigen Kneipen klar, aber man versuchete es zu ignorieren, denn: „Politisches war dazu da, weggelacht zu werden.“ Und wenn die Kneipen zu machten, wurde oft zuhause weiter gefeiert. Jedoch konnte man dort ebenso bespitzelt werden.

Der französische Existentialismus, der in den Nachkriegsjahren auch in den intellektuellen Zirkeln der DDR angesagt war und vom Kollektiv nichts wissen wollte, war der Partei ein Dorn im Auge. „Individualist – das war als Tadel gemeint in einer auf das Kollektiv eingeschworenen Gesellschaft.“ Das Ausklinken aus einer das „Wir“ propagierenden Gesellschaft und der Einstieg in ein von künstlerischen Individuen geformtes Milieu wurde als selbst organisiertes Unterfangen von den Staatsorganen unterbunden. Reguläre Arbeit war offizielle Pflicht: Wer nicht genug regelmäßige Einnahmen vorzuweisen hatte, der konnte unter den so genannten „Asozialenparagraphen“ fallen und demnach sogar straffällig werden. Dennoch galt: „Man langweilte sich, also feierte man. Der für den Osten so typische frei umherschwirrende Intellekt machte das Feiern amüsant, man hatte sich ja nicht verausgabt bei der Arbeit, Produktivität wurde kaum verlangt.“

Nächste Seite →

Seite: 1 | 2

Norbert Bayer
Ist Mitgründer von THE VORTEX und schreibt am liebsten über Kunst, Filme, Literatur und weiteres. Er mag das Geräusch, wenn man mit dem Fahrrad über lose Pfastersteine fährt.

Dieser Beitrag hat 0 Kommentare

Hinterlassen Sie einen Kommentar