THE VORTEX

Fikkefuchs – Männer in der Dauerkrise

Jan Hendrik Stahlberg über seine neue Komödie Fikkefuchs – über Sexismus in Zeiten von Hashtags, die Auswirkungen von political correctness und das ewige Leid des westlichen Mannes.

Thorben (Franz Rogowksi) und Rocky (Jan Hendrik Stahlberg wollen in einem Workshop lernen wie man Frauen am besten anmacht. ©AlamodeFilm

Thorben (Franz Rogowksi) und Rocky (Jan Hendrik Stahlberg) wollen in einem Workshop lernen, wie man Frauen am erfolgreichsten anmacht. ©AlamodeFilm

Annika Kuhlmann: Herr Stahlberg, wie kam es zu der Idee diesen Film über Vater und Sohn zu machen und wie kamen Sie auf Franz Rogowski für die Rolle des Thorben?

Jan Hendrik Stahlberg: Die Idee kam von Wolfram Fleischhauer, der die Antwort auf die Vagina Monologe gesucht hat und er wollte das gerne mit mir machen. In dem Moment wo ich diese Vater und Sohn Konstellation gefunden hatte – ich wollte es nicht mit zwei besten Freunden erzählen – war für mich das Potential für die Geschichte da. Das hat natürlich einen viel größeren Mief, wenn ein Sohn von seinem Vater nicht anerkannt wird. Das Spannende daran ist, dass der Film neben der politischen Inkorrektheit einen Humanismus bekommt und ein menschliches Problem, welches wirklich nachvollziehbar ist. Franz Rogowski hat mich in Love Steaks begeistert und das hat sich bei mir fortgesetzt in allen Filmen, die ich danach mit ihm gesehen habe. Er ist unglaublich uneitel und neben einer sehr präzisen Art zu spielen, ist er technisch sehr weit und gleichzeitig sehr authentisch. In der einen Szene zum Beispiel, wo Thorben sich über Rockys Schulter übergibt, hat er es mit Kaffee und Salz tatsächlich auch geschafft, das wirklich zu tun. Ich glaube es gibt selten zwei, die sich so durch den Kakao gezogen haben wie Rocky und Thorben.

AK: Vater und Sohn haben das gleiche Problem. Sie landen nicht bei den Frauen ihrer Begierde und dann kommt es schnell zu einer großen Ungeduld und recht aggressiven Ausbrüchen. Woher kommt denn eigentlich diese Wut?

JHS: Naja, Rocky ist ja nicht aggressiv…

AK: Nun ja, er ist schon sehr beleidigend Frauen gegenüber, wenn die nicht mitmachen wollen.

JHS: Eigentlich nur in der einen Szene. Da merkt er, dass er nichts mehr gebacken bekommt. Da wird er dann auf verbaler Ebene ausfallend. Er wird ja nie handgreiflich.

AK: Es kommt einfach viel zu schnell diese Ungeduld auf, die das Ganze nach hinten losgehen lässt.

JHS: Bei Thorben ist das eher der Fall. Rocky hat ja schon Geduld, aber er hat eben nicht mehr die Physis, wo jemand sagen würde, ach das ist doch ein attraktiver Vogel. Ich meine er ist ja kein Unsympath. Die Art und Weise wie er die drei Frauen am Anfang anspricht, da kann ich mir vorstellen, dass das 10-20 Jahre vorher funktioniert hat. Nur jetzt denkt man, oh das passt nicht mehr. Das ist sein Problem, dass er nicht gemerkt hat, dass so viel Zeit vergangen ist. Er sagt sich, „wieso, ich bin immer noch im Geschäft“. Thorben hat diese Ungeduld. Eine Freundin sagte mal zu mir, weisst du, deine Art auf Frauen zuzugehen, wenn du die attraktiv findest, das geht so nicht. Es wird immer seltener auf eine schöne Art angesprochen zu werden und ich denke, dass ist das Problem dieser Thorben-Generation. Es ist ja auch anstrengend, man muss sich überwinden und dann kriegt man auch noch einen Korb. Ich kann das verstehen und dann ist es im Internet halt viel einfacher.

AK: In der Szene in der Psychatrie sagt Thorben, Frauen wollen für Ihre Person wahrgenommen werden und Männer für Ihr Geschlechtsteil. Die beiden könnten das Spiel auch einfach mitspielen, bis sie die Frauen rumkriegen. 

JHS: Genau, aber er sagt, das sind alles Heuchler. Männer die das mitspielen, haben natürlich am Ende eine bessere Chance jemanden kennenzulernen, als diejenigen die sagen „du ich bin einfach nur an deinem Körper interessiert“. Die meisten finden das unsexy und sagen dann meistens „Nein Danke.“ Es gibt natürlich Ausnahmen.

AK: Es ist immer wieder die Rede von der weiblichen Deutungshoheit, der Überforderung des Mannes, des westlichen Mannes. Ist das die Aussage des Films, dass die Männlichkeit sich in der Krise befindet? Ist der Mann das schwächere Geschlecht?

JHS: Ja, das wird so gesagt. Rocky sagt sehr viele Dinge, die ich nicht unterschreiben würde. Inhaltlich würde ich sagen, da ist was dran, aber die Art und Weise, wie es gesagt wird ist zu hart oder die Wörter sind falsch gewählt.

AK: Zum Beispiel?

JHS: Zum Beispiel wenn er im Boot sagt: junge, schöne Frauen sind die Mercedesse der Menschheit, aber das Leben ist für sie eine Schrottpresse. Da bringt es dieses Syndrom einer Marlene Dietrich, die unheimlich schön war und 40 Jahre später in einem Ganzkörperkondom durch die Gegend läuft, weil sie das Alter nicht akzeptieren kann, sich so nicht mehr sehen kann, eine Tragik. Da denke ich, in dem Ton da vergreifst du dich. Das ist sehr menschenverachtend, wie du das hier ausdrückst, aber solche Tragödien gibt es. Frauen die auf Händen getragen wurden und es muss sehr bitter gewesen sein, zu merken, dass der Produzent sie mit dem Arsch nicht mehr anguckt, sondern auf einmal guckt er der 18-jährigen Kollegin auf den Arsch. Ich glaube nicht, dass der Mann sich in der Krise befindet, wenn überhaupt ist er in einer Dauerkrise. Was sich verändert hat, ist, dass heute alles möglich ist. Ich kann einen Mann heiraten, ich kann eine Frau heiraten, ich kann das Geschlecht wechseln, ich kann es bleiben lassen. Ich habe eine Wahlmöglichkeit und ich glaube, dass das uns alle überfordert. Männer sind da noch mal mehr als Frauen betroffen, weil sie es viel schwerer haben über ihre Gefühle zu sprechen. Im Rahmen der Recherche für den Film, habe ich bei einer Paartherapie zugehört und da waren von zehn Frauen, neun Frauen die zu ihren Männern sagten: „Du bist wie ein Fisch, ich kriege dich nicht zu greifen, du bist nicht da.“ „Aber ich sitz doch hier.“ „Das meine ich nicht.“ „Du sagst nicht wie es dir geht.“ „Was soll ich denn immer sagen, wie es mir geht? Es geht mir gut.“ Und dann dachte ich komisch, ich dachte dass es nur mir so manchmal geht. Ich gehe viel mehr auf in der Haltung zu mauern, als Vorwürfe zu machen. Männer ziehen sich eben gerne zurück in ihre innere Immigration. Dass mich das als Frau auch nerven würde, keine Frage. Das versteht auch der Film. Deswegen ist der Film auch nicht gegen Frauen, sondern beschreibt das Elend der Männer. Wenn die nicht in der Lage sind darüber zu reden, dann wird es irgendwann knapp.

AK: Diese beiden gestehen sich zumindest Probleme ein, die sie haben. Es geht natürlich nicht weit genug, aber sie kommen einander darüber näher. Thorben versteht ja sofort, dass Rocky keine Operation will an der Prostata, mit der möglichen Folge einer Impotenz. Das weiss er, ohne ihn fragen zu müssen.

JHS: Ja, weil er genauso drauf ist.

©Alamodefilm Thorben sucht Rat bei seinem Vater, der eigentlich auch keinen Plan von Frauen hat.

Thorben (Franz Rogowski) sucht Rat bei seinem Vater (Jan Hendrik Stahlberg), der eigentlich auch keinen Plan von Frauen hat. Almodefilm

AK: Ja, aber vielleicht auch weil sie sich so verstehen, ohne dass sie Dinge explizit machen müssen.

JHS: Ja sie sind Brüder im Geiste. Rocky erklärt Thorben die Welt und hat selber keinen Plan mehr, das ist das Humoristische daran und das Menschliche daran ist, das die beiden Vater und Sohn sind. So bescheuert wie die beiden können nur Vater und Sohn sein. Das kommt einem vielleicht so vor, aber niemals würde Rocky Thorben gegenüber zugestehen, ich kann das alles nicht mehr. Er sagt ja immer: „Wie redest du mit mir? Ich bin dein Meister du Arschloch.“ Eigentlich müssten die beiden sich in den Arm nehmen und sagen, wir kriegen es nicht gebacken. Aber ein Eingeständnis könnte sein gesamtes Lebenskonzept durcheinander bringen. Er kann es einfach nicht einsehen. Da würden wir dann filmisch in eine Tragödie reinkommen. Das sind Clowns. Ich als Zuschauer sehe das ganz klar, dass die beiden am Ende sind. Ich glaube, das wäre schade, wenn die beiden so klug wären, dass sie das selber verstehen würden. Und das ist ja das komische daran – es ist ja eine Komödie.

AK: Zumindest Thorben weiß, dass er Probleme hat.

JHS: Bei Thorben steht die Not dahinter, dass es auf dem konventionellen Wege nicht geklappt hat. Das ist ein aufklärerischer, emanzipatorischer Gedanke. Denn sonst würde er nicht zu seinem Vater gehen. Denn der Vater ist der klassische Don Juan, er holt den Rotwein raus, macht Chanson an und sagt, ich bin klug und kultiviert, es geht mir um dich und dein Körper der fällt mir zu.

AK: Thorben gehört zur Selfie-Generation. Er ist ständig am Filmen und Posten, trifft seinen Freund nur online. Ist das als Kritik zu verstehen? Wird hier eine gewisse Verrohung aufgezeigt? Oder ist Rockys Generation genauso verroht?

JHS: Rocky sagt: „meine Generation kommt mir intelligenter vor, als deine.“ Ob das stimmt, sei mal dahin gestellt. Ich mag es sehr, wenn ein Film dazu einlädt, über Dinge nachzudenken, aber mir die Antwort nicht liefert. Das Ironische ist, dass es die Hauptperson mit einem Besserwisserton sagt und man sich fragt, bist du vielleicht einfach nur eifersüchtig, dass du nicht mehr zu dieser jungen Generation gehörst? Ich glaube, dass klar ist, dass die Generation der Millenniums, mit dem Internet aufgewachsen ist und mit der Pornographie viel eher in Berührung gekommen ist, als die Generation von Rocky. Aber ob sie deswegen verrohter ist? Es ist eine Behauptung von Rocky.

©Alamodefilm Rocky versucht Thorben künstlerische Anreize zu bieten.

©Alamodefilm Rocky (Jan Hendrik Stahlberg) versucht Thorben (Franz Rogowski) im Diskurs auch künstlerische Anreize zu bieten.

AK: Die Drastik der Bilder im Film ist recht auffällig. Es wird nichts ausgespart. Das ist heute eher selten. Hat dieser Stil eine bestimmte Bewandtnis? Man kann manchmal mehr aussagen, indem man nicht alles zeigt.

JHS: Ja genau, das ist das was man so sagt. Aber in dem Ton dieses Filmes, hat die Drastik für mich eine dramatische Bewandtnis. Wenn Rocky fünf Minuten vor der Badewannenszene in der alle Dämme brechen – und das ist der schlimmste Moment für einen Mann, in dem er so etwas erleben muss – Thorben vorher noch großkotzig erklärt, „so jetzt geht es los, auf einen wunderschönen Sommerabend“, dann ist das für mich relevant zu zeigen, wie unglaublich gedemütigt er da sitzt. Es geht mir nicht um Provokation. Ich glaube diese Zeit, die sich fragt, warum muss das so drastisch gezeigt werden, die sollte sich fragen, warum sie das in ihrer politischen Korrektheit als so drastisch empfindet? Es ist eine drastische Situation in der er sich befindet. Ich verstehe das, dass es so wahrgenommen wird, denn es fällt aus unserer Zeit. Das kann man dem Film vorwerfen, aber das ist immer relativ. Wir leben in einer Zeit, die sehr von politischer Korrektheit lebt und man muss unheimlich aufpassen, was man sagt, denn alles kann gegen einen verwendet werden – Hashtag Shitstorm. Für die, die das vermissen, ist der Film attraktiv, für die anderen kommt er unverschämt rüber, vielleicht sogar sexistisch. Aber da wird mit einer Deutungshoheit hantiert, wo ich sage, das ist mir zu billig. Ich glaube wenn man den Humor hat, geniesst man den Film, wenn man ihn nicht hat, kommt sofort die Keule der Frauenfeindlichkeit. Wenn hier einer durch den Kakao gezogen wird, dann sind es vor allem die Männer. Zum Thema Sexismus frage ich mich übrigens, gibt es einen Sexismus gegenüber Männern? Irgendwie finde ich da was ungerecht.

AK: Ja sicher Sexismus findet auch von Frauen gegenüber Männern statt. Im Zuge der #MeToo Debatte hat man ja auch von vielen Männern gelesen, denen ähnliche Dinge passiert sind. Aber das kommt natürlich sehr viel seltener vor, als bei Frauen.

JHS: Ja das ist eher eine Randerscheinung, wie auch Männer die vergewaltigt werden. Das ist für mich eher so ein Inselsexismus. Aber ist das die einzige Art von Sexismus wo es um Machtmissbrauch gegenüber Frauen geht? Das ist eine absolute Einbahnstrasse, da geht es immer um Männer gegen Frauen. Wenn eine Frau sich einen Push-Up anzieht, sich besonders schön macht und besonders viel Haut zeigt, in dem Moment wo ich ihren Körper betrachte, natürlich gucke ich da drauf. Ist das nicht sexistisch?

AK: Einem Mann gegenüber, seinen Körper einzusetzen?

JHS: Ja. Sexistisch ist es in dem Moment bereits, in dem ich der Frau ein Kompliment mache. Das kann ganz schnell als sexistisch empfunden werden. Als Mann muss man da ganz schön vorsichtig sein.

Rocky (Jan Hendrik Stahlberg) hat mit Frauen schon mal bessere Zeiten erlebt. ©Alamodefilm

Rocky (Jan Hendrik Stahlberg) hat mit Frauen schon mal bessere Zeiten erlebt. ©Alamodefilm

AK: Ja, da kriegen wir hier langsam amerikanische Verhältnisse. Ein Kompliment zu machen, muss schon noch möglich sein. Aber, man sollte Frauen in einer beruflichen Situation natürlich nicht nach ihrem Aussehen beurteilen, sondern nach ihrer Leistung.

JHS: Aber wo ist da die Grenze? Die Diskussion ist politisch durchtränkt. Wenn es sexistisch ist, einer Frau auf den Rock zu gucken, warum ist es dann nicht sexistisch, ihn sich anzuziehen, damit ich da drauf gucke?

AK: Naja, sie zieht ihn ja nicht an, damit Männer drauf gucken, sondern weil sie sich darin wohlfühlt. Das ist ihr gutes Recht.

JHS: Ok, und dann kann ich ja auch sagen, ich fühl mich aber wohl, wenn ich dahin gucke. Ich kann es situationsbedingt verstehen, aber es wird als Keule missbraucht und ich will nicht in einem Land leben, in dem ich nicht mehr Fuck im Fernsehen sagen kann. Da nervt mich die politische Korrektheit sehr. Die Frage sollte nicht lauten, ist der Film so drastisch, sondern ist die Zeit so prüde geworden oder bigott? Ich darf auf keinen Fall eine Frau angucken, aber ich darf mir so viele Pornos reinziehen wie ich will, das ist ja das Widersprüchliche. Das ist ja in der gesamten westlichen Welt mittlerweile so. Überall herrscht Angst davor Missverstanden zu werden. Man sollte sich vielleicht auch selber fragen, wie politisch korrekt ist unsere Zeit eigentlich geworden? In den 70 er und 80er Jahren war das alles noch anders. Da hat ein Klaus Kinski zu einem Journalisten gesagt „Sie Arschloch“. Man kann ja halten was an will von ihm, aber ich sehe keine Klaus Kinskis mehr. Ich sehe nur noch Leute die politisch korrektes Zeug von sich geben. Egal, ob Rockstars, Fussballer oder Schauspieler und das finde ich unglaublich langweilig.

AK: Dass man in Zeiten von Social Media ständig Angst davor haben muss, dass man gerade gefilmt wurde und ein Shitstorm folgen wird, ist man total unfrei. Sowas kann ganze Lebensläufe ruinieren.

JHS: Es herrscht vorauseilender Gehorsam und das ist nicht in Ordnung – Punkt. Der erste Schritt in die richtige Richtung wäre, wenn ich einen Witz über Asiaten mache, dann sagt man mir ich sei Rassist. Da wird einem eine Geisteshaltung unterstellt, die nicht richtig ist. Der Witz mag gut oder schlecht gewesen sein, aber das ist kein Automatismus, dass wenn ich einen Witz mache, ich ein Antisemit, ein Rassist oder ein Sexist bin. Und deswegen ist es sehr wichtig, dass man Humor und vor allem schwarzen Humor so nimmt, dass man darüber lachen kann. Wenn du nicht lachen kannst, dann hör auf demjenigen der den Witz gemacht hat, eine böse Absicht zu unterstellen. Diese Angst missverstanden zu werden ist der Anfang der Selbstbeschneidung. Warum denken manche immer für die anderen, vermeintlich dümmeren Leute mit?

AK: Die Finanzierung des Films hat komplett über Crowdfunding statt gefunden. War das eine bewusste Entscheidung den Film so zu realisieren, um zu umgehen dass einem da jetzt ein Sender reinredet und man den Film in dieser Form nicht hätte machen können?

JHS: Ja sicherlich, das war eine bewusste Notwendigkeit. Stellen Sie sich einmal vor dieser Film wäre von den öffentlich-rechtlichen Sendern unterstützt worden und es hätte einen Shitstorm gegeben – da haben natürlich alle Angst vor. Diese Bedenkenträgerei finde ich für eine Satire nicht passend. Wenn die Titanic Angst hat vor einem Shitstorm dann braucht sie nicht mehr zu existieren. Es besteht eine große Gefahr sich mundtot machen zu lassen, dieser PR-Hashtag MeToo, da weiß man bereits in vier Wochen wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben. Da muss ich mich ständig empören. Wenn es so viele Übergriffe gegen Frauen gibt, sicher dann muss es in der tieferen Diskussion angegangen werden, aber nicht mit einem Empörungshashtag. Das finde ich nicht adäquat. Auch im Fall Kevin Spacey, die Reaktionen halte ich für übertrieben.

AK: Die Dreharbeiten unmittelbar zu unterbrechen ist natürlich ein starkes Stück, vor allem bevor bewiesen wurde, was wirklich passiert ist. Nur, kann man das denn überhaupt noch?

JHS: Da ist anscheinend die Macht des Internets schon so groß geworden, dass die Macher sagen, er ist nicht mehr tragfähig. Die öffentliche Meinung ist gegen ihn und dann ist er nicht mehr haltbar. Das ist sehr bedenklich, weil ich nicht weiß, was er wirklich verbrochen hat. Da findet eine Vorverurteilung statt und der Angriff alleine reicht schon um das zu verleumden. Das kann ich nicht unterschreiben.

AK: Die Musik im Film besteht ja hauptsächlich aus Klassik, die oft von der nervigen Stimme Klassikradiomoderatorin unterbrochen wird. Was wollten Sie damit sagen?

JHS: Klassikradio ist die politische korrekte Variante Namens Kaminklassik. Für uns war immer klar, dass Rocky klassische Musik hört. Der ist wirklich ein Kind dieser Zeit. Die Klassik so rund zu lutschen, so dass man immer nur die kleine Nachtmusik hört oder die Mondscheinsonate, die Moldau, das ist dieses Rundlutschen. Die Leute sind alles zu doof, ich muss denen das erklären. Das ist die politisch korrekte Gesellschaft, die wir damit aufs Korn nehmen wollen. Im Kontrast zu Thorbens Musik ist die klassische Musik auch wichtig. Sie macht ihn intellektuell, aber gleichzeitig ist es auch komisch, dass er dann Klassikradio hört, also die abgespeckte Variante.

AK: Aufgefallen ist mir auch, dass die meisten Frauen im Film die von den beiden angemacht werden blond sind. Nur die Mutter und die Kurleiterin sind brünett.

JHS: Für Thorben ist das sicher so, das ist sein Frauenbild.

©Alamodefilm Die Workshopleiterin und ihre Assistentin zeigen den Männern wie der Hase im Anmachspiel läuft.

©Alamodefilm Die Workshopleiterin (Susanne Wederheft) und ihre blonde Assistentin zeigen den Männern wo der Hase im Anmachspiel läuft.

AK: Mir fiel auch auf, dass diese blonden Frauen die recht ausfallenden Anmachen, ganz schön still über sich ergehen lassen. Das kommt schon sehr stereotyp rüber. Ich persönlich wäre da längst aufgestanden und gegangen.

JHS: Also das wäre dann ein Fehler im Film, wenn das so rüberkommt. Das war mir nie so bewußt. Es war jetzt nicht die Intention zu sagen, Blondinen lassen sich eher blöd anmachen oder manipulieren. Es gibt diese einen Szene, in der Rocky wirklich übergriffig wird und der Frau einfach nichts mehr einfällt. Und ich denke das liegt vor allem daran, dass die Frauen sich überfahren vorkommen und geradezu fassungslos sind über sein Verhalten. Die Frau sagt ja immer wieder: „Entschuldigung kannst du mal aufhören damit?“ Die sind 20 Jahre jünger als er und da ist ein Typ der sich gut ausdrücken kann und auf einmal sehr scharf wird.

AK: Also ich persönlich hätte das nicht über mich ergehen lassen. Aber die haben sicher auch Angst, sie denken okay ich rühre mich lieber nicht, sonst kriege ich noch einen in die Fresse.

JHS: Ja, wir haben diese Szene sehr oft umgeschnitten. Ich finde das allerdings glaubwürdig, dass man sich bei der Eloquenz von Rocky und der Schnelligkeit wie er das macht, so verhält. Ich will damit aber nicht erzählen, wie unterwürfig die heutige blonde Frauen ist. Da ist eher eine Frau die mit der Situation überfordert ist. Sie denkt einfach nur, was für ein Albtraum. Die Blondine am Ende, die im Kurs als Assistentin arbeitet, die wird natürlich als blondes Gift eingesetzt. Die ist wirklich die Schöne und das Biest. Die weiß genau, warum sie ihren Minirock hochzieht.

AK: Ja, der gehen die Männer dann im Kurs natürlich voll auf den Leim.

JHS: Ja und wenn die Kursleiterin dann sagt – die große Szene von Susanne Wederheft: Ihr Männer seid überfordert, ihr müsst das sein und das sein und das. Da denkt man dann, puh… und da hört es dann auf komisch zu sein. Die Stelle mag ich sehr.

AK: Da wird es dann fast traurig.

JHS: Total. Der Film ist eben nicht nur lustig, sondern auch sehr ernst und traurig.

AK: Ist das denn nun ein Film für Männer oder für Frauen?

JHS: Unbedingt für beide, das sage ich jetzt nicht nur, weil ich Millionär werden will. Nein, weil ich finde es ist ein Film der für Männer noch schwerer zu verdauen ist, weil es um unsere Grenzen und Probleme geht, die wir nicht so gut gebacken bekommen. Auf der anderen Seite sagen wir in diesem Film sehr vieles über Männer, die sich Frauen teilweise sehr ähneln. Der Film ist für Männer und für Frauen, aber er ist vor allem für Menschen, die bereit sind Humor mitzubringen, der einen davor schützt sofort die Moralkeule zu schwingen und die kann man ja später dann immer noch rausholen. Der Film ist Spaß humorig und wenn man den Humor nicht hat, dann wird es schwierig.

AK: Könnte man denn dieses Problem, welches die beiden Männer hier haben, nicht auch auf Frauen anwenden? Da kann ja vielleicht auch einen Identifikation für Frauen stattfinden mit den beiden Hauptdarstellern?

JHS: Ich denke, das Frauen dieses Problem nicht haben.

AK: Aber warum nicht?

JHS: Das finde ich lustig, dass sie die Frage stellen. Das ist so, als würde ich als heterosexueller weißer Mann, der von Haus aus deswegen nicht diskriminiert wird, zu einer Frau, die zu mir sagen würde, ich habe es schwer mich am Strand im Bikini frei zu bewegen, als Mann sage, wieso das denn? Verstehe ich garnicht? Dann wäre die Antwort, ja genau, weil du es nicht kennst, als Mann diskriminiert zu werden. Anders herum: ich als Mann auf der Suche – womit wir Männer Probleme haben – wenn eine Frau dann sagt, warum sollen wir die nicht auch haben? Das komische an der Frage ist, dass es mir so vorkommt, als wenn sie das Problem nie kennengelernt haben, sonst würde sie sie nicht stellen. Ich habe viele Paare gefragt am Anfang der Recherche, wenn ihr heute da rausgehen würdet und es würde nur darum gehen, Sex zu haben – um Liebe geht es uns ja dann allen im Endeffekt – wer von beiden hätte die besseren Chancen? Gerade viele Frauen sagen da 50/ 50.

AK: Ja genau, das würde ich auch sagen.

JHS: Ja, aber das zeigt doch, das sie dieses Problem garnicht kennen. Natürlich ist es völlig falsch. In der Realität sieht das ganz anders aus. Als Frau geht es darum, einen Mann mit zu nehmen, der ihr auch gefällt. Als Mann spielt das kaum eine Rolle. Das finde ich total spannend, ich will mich darüber nicht lustig machen, aber für mich ist es keine Selbstverständlichkeit da jemanden zu finden. Ich merke im Laufe des Abends wird mir das immer unwichtiger, wer das ist und der Moment ist sehr erniedrigend, in dem ich das merke, wie armselig ich bin.

AK: Das kann aber Frauen auch passieren.

JHS: Ich denke, da ist ein Unterschied. Aber genau das war der Anreiz von Wolfram Fleischhauer diesen Film zu machen. Er sagte, ich möchte mal wissen was passiert, wenn ich mir einen Anzug anziehe, mich schön mache, einen Campari O-Saft trinke und warte, dass eine Frau mich anspricht. Und das haben wir gemacht, du kannst alt und grau werden dabei. Aber die Reaktionen darauf sind total spannend. Das ist so, als wenn Frauen sagen, wir habe ein Problem, alle gucken uns auf den Po und ein Mann antwortet dir, das habe ich auch schon erlebt. Nur, deswegen kennst du das Problem nicht. Als Mann wird man normalerweise nicht angesprochen, ganz selten mal. Es ist wichtig, dass man ernst nimmt, dass Männer auch darunter leiden. Dass es nicht nur lächerlich ist. Das ist glaube ich wichtig. Das sind ernste Probleme von Männern. Und da sind sich die Geschlechter natürlich sehr ähnlich, das was man nicht bekommen kann, das ist das Reizvolle – für Frauen und für Männer.

Annika Kuhlmann
Ist Mitgründerin von THE VORTEX und Kulturmanagerin. Sie studierte Nordamerikanistik, Publizistik und Psychologie (im Nebenfach) an der FU Berlin. Am liebsten schreibt sie über Tanz/-Theater, Dokumentar-Filme, Feminismus und Zwischenmenschliches und führt für ihr Leben gerne Interviews. Nebenbei ist sie auch für das Marketing verantwortlich.

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