THE VORTEX

Berlinale #1 – Im Transit

Die Menschen in Christian Petzolds Wettbewerbsbeitrag Transit sind auf der Flucht. Sie befinden sich zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Europa und Amerika, Angst und Hoffnung. In dieses Chaos tritt die Liebe.

Georg (Franz Rogowski) versucht in Marseille ein Visum für Mexiko zu bekommen. ©Schramm Film/ Marco Krüger.

Georg (Franz Rogowski) versucht in Marseille ein Visum für Mexiko zu bekommen. ©Schramm Film/ Marco Krüger.

Georg (Franz Rogowski) ist endlich nach einer langen, anstrengenden Zugfahrt aus Deutschland in Marseille angekommen. Alles was er besitzt ist die Kleidung, die er am Körper trägt und ein Rucksack mit ein paar Habseligkeiten. Als Zuschauer begreift man schnell, er ist nicht der einzige ist, der sich vor den deutschen Truppen auf der Flucht befindet und wir uns in den 40er Jahren. Doch die Autos und Polizeiuniformen, Straßen und Häuser wollen so garnicht in diese Zeit passen. Christian Petzold hat sich entschieden, die literarische Vorlage von Anna Seghers aus dem Jahr 1940 sowohl in der Gegenwart anzusiedeln, als auch in der Vergangenheit zu lassen. Die Flüchtlinge in Transit warten in Marseille auf ihre Visa, das Ablegen ihres Schiffes nach Amerika, darauf dass es weiter geht und endlich etwas passiert. Doch es geht nicht voran, auch nicht mehr zurück. Niemand fühlt sich verantwortlich, keiner kümmert sich um sie. Sie irren umher und warten, stehen in Schlangen, schwitzen und warten erneut, auf einer Ebene zwischen heute und gestern, Leben und Tod.

Georg hat alles verloren und macht dennoch weiter. © Schramm Film / Marco Krüger

Georg hat alles verloren und kämpft dennoch weiter. © Schramm Film / Marco Krüger

Georg irrt durch die Stadt, bis er auf ein paar ähnlich verlorene Seelen trifft. Ein deutscher Komponist (Justus von Dohnanyi), ein Arzt (Godehard Giese), eine ältere Dame (Barbara Auer), ein kleiner Junge (Lilien Batman). Sie helfen sich, erzählen sich ihre Geschichten, gehen sich auf die Nerven, kommen sich in der Not zu nah. Schliesslich tritt die verwirrte Marie (Paula Beer) in Georgs Leben. Ein paar Mal begegnen sie sich flüchtig auf der Strasse, sie blicken sich an, dann huscht sie weiter. Marie läuft mit wehenden Haaren und offenem Mantel durch die Stadt auf der Suche nach ihrem Mann, den sie zwar verlassen hat, aber wiederfinden will und muss, denn er hat ihr Visum. Das schlechte Gewissen plagt sie. Sie alle brauchen einander. Fast geisterhaft, surreal kommt sie einem vor. Georg und Marie verlieben sich. Sie halten sich aneinander fest, geben sich Halt. Kurz können sie hoffen, auf ein besseres Leben.

Marie (Paula Beer) und Georg (Franz Rogowski) geben sich Halt. © Schramm Film / Marco Krüger

Marie (Paula Beer) und Georg (Franz Rogowski) geben sich Halt in düsteren Zeiten. © Schramm Film / Marco Krüger

Wunderbar fragil und einfühlsam wird Georg von Franz Rogowski verkörpert. In dessen tief braunen,  warmen Augen spiegelt sich die Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit einer Situation wider, dass einem schaurig wird. Voller Anmut und Zartheit kümmert er sich um den kleinen astmakranken Jungen, um dessen taubstumme Mutter, um Marie, um ihren Liebhaber den Arzt. Trotz Hoffnungslosigkeit geht viel Hoffnung von ihm aus, denn er funktioniert und bleibt sich treu, obwohl er sich diese Rolle nicht ausgesucht hat und doch selber keinen rechten Plan hat, wie es weiter gehen soll. Es geht eine Magie von Georg und Marie aus, die von der Liebe zurückgeholt werden in bessere Zeiten. Doch gibt es diese hoffnungsvolle Zukunft wirklich? Man weiss es nicht, alles was zählt ist der Moment. Christian Petzold ist ein sensibler, berührender Film gelungen, der eine eigenen Kunstform zwischen Geschichte und Gegenwart geschaffen hat und trotz Berliner Schule viel Bewegung in sich birgt.

 

Annika Kuhlmann
Ist Mitgründerin von THE VORTEX und Kulturmanagerin. Sie studierte Nordamerikanistik, Publizistik und Psychologie (im Nebenfach) an der FU Berlin. Am liebsten schreibt sie über Tanz/-Theater, Dokumentar-Filme, Feminismus und Zwischenmenschliches und führt für ihr Leben gerne Interviews. Nebenbei ist sie auch für das Marketing verantwortlich.

Dieser Beitrag hat 0 Kommentare

Hinterlassen Sie einen Kommentar