THE VORTEX

Whatever happens

Fahri Yardim im Interview über seine erste Filmrolle als Fulltime Daddy, die Kunst ein fröhlicher Mensch zu sein und die Schmerzhaftigkeit der Kompromisse.

Die Beziehung von Julian (Fahri Yardim) und Hannah (Sylvia Hoeks) beginnt wie im Bilderbuch. ©Universum Film

Die Beziehung von Julian (Fahri Yardim) und Hannah (Sylvia Hoeks) beginnt wie im Bilderbuch. ©Universum Film

Annika Kuhlmann: In Whatever Happens sind Sie in Ihrer ersten Filmrolle als Fulltime Daddy zu sehen, der mit der Herausforderung klar kommen muss, dass seine Frau die Familie ernährt. Wie war die Zusammenarbeit mit Niels Laupert dem Regisseur?

Fahri Yardim: Es war unfassbar intensiv. Man geht wirklich durch die Höhen und Tiefen dieser Beziehung wie in einer Achterbahn. Zwischen Feuerwerk und Tränental ist da alles dabei gewesen. Das lässt einen nicht kalt, wenn man eine Beziehung mimt, die nicht einfach ist. Und vor allem der Regisseur nicht, der ein sehr junger, leidenschaftlicher ist. Wir drei sind da in tiefste Auseinandersetzung gegangen, das war für den Film sehr gut.

Und wie waren die Dreharbeiten mit Sylvia Hoeks, die aktuell auch in Blade Runner 20149 zu sehen ist?

Es war toll. Sie ist eine hochtalentierte Kollegin und eine bezaubernde Frau. Es hatte einen Hauch von Hollywood mit ihr zu drehen.

Die Beziehung der beiden beginnt perfekt und sehr romantisch – Julian scheint alles im Griff zu haben, hat meistens die richtigen Antworten parat, fängt Hannah auf, wenn es ihr schlecht geht, man fragt sich, wo ist der Haken und ahnt Schlimmes, als sie mit der Geburt ihrer Tochter eine unklassiche Rollenverteilung einnehmen in der Kinderbetreuung. Er ist Fulltime Daddy, sie geht fulltime arbeiten. Sie scheitern – mit der Trennung beginnt der Film und erzählt sich über Rückblenden auf das Geschehene. Ist das alles zu schön um wahr zu sein?

Nein, ich denke der Grund für das Scheitern ist der Selbstverlust der durch die Rollenverteilung entsteht. Sie gehen da sehr modern vor, in ihrer Ausschliesslichkeit wird das Konstrukt allerdings irgendwann gefährlich für die Individuen die sie ja auch im tiefsten Inneren noch sind. Sie entfremdet sich vom Mutterdasein und vom Kind und der Vater verliert an Selbstachtung, weil er sich über die Rolle des Vaters nicht mehr wahrnehmen kann. Das sind existentielle Bedrohung in gewisser Weise, weil sie dein Selbstbild beschädigen können.

Ich habe mich gefragt, warum sie keine einfache Lösung wählen und sich diesen Druck nehmen, indem sie eine Nanny engagieren? Warum hängen sie ihre Ansprüche so hoch, es ohne fremde Hilfe schaffen zu wollen? Das wirkt etwas konstruiert.

Es läuft in einer Beziehung manchmal gegeneinander, weil der eine ungewollt die Gegenseite zum anderen annimmt und dadurch die Projektionsfläche für den eigenen Mangel darbietet. Auf der einen Seite ist da die Mutter, die sich nach dem Kind sehnt und diese unbeschreibliche Verbindung zwischen Vater und Kind beneidet. Auf der anderen Seite ist da ein Vater, der dieser erfolgreichen Jetlaggerin hinterher trauert und in ihr auch das Synonym für Freiheit sieht, welche er vermisst. Und so wird es eine gegenseitige Anschuldigung mit dem Verlust des Eigenen.

Julian und Hannah merken erst spät wie sehr der Alltag sie beide und ihre Beziehung aufgefressen hat. ©Universum Film

Julian und Hannah merken erst spät wie sehr der Alltag sie beide und ihre Beziehung aufgefressen hat. ©Universum Film

Julian kommt einem so vor, als wenn er Probleme rechtzeitig erkennen könnte und als Zuschauer stellt man diese Erwartungshaltung auch an ihn, dass er es schaffen kann die Beziehung zu retten. Hannah hingegen erscheint einem einfach nur sehr gefangen in ihrer kühlen Businesswelt zu sein. Warum schafft er es nicht?

Ich denke er überschätzt sich da und wir überschätzen ihn auch. Die Dynamik des Unbewussten und die Probleme die der Alltag mit sich bringt, sind stärker als dass man sie in einem einzigen Moment entdeckt. Das ist ein schleichender Prozess, eine Enttäuschung über den Komplettverlust der eigenen Person. Erst danach kommt die tief traurige Erkenntnis.

Schwingt denn da eigentlich auch ein bisschen Kritik mit, an dieser getauschten Rollenverteilung? So nach dem Motto, so kann es eben nicht klappen – back to the roots.

Ich habe das so nicht wahrgenommen, sondern eher als realistische Herausforderung. Natürlich ist es ein Bruch mit den patriarchalen Vorstellungen und der Versuch von Modernität, aber trotzdem sind die Konflikte die darin entstehen menschlich und nicht männlich oder weiblich. In der Ausprägung in der die beiden sich dafür entscheiden ist es zu radikal, das erfahren die beiden schmerzhaft. Das Ende ist dann zwar offen, aber es gibt einen Hoffnungsschimmer.

Doch der gemeinsame Humor geht ihnen nicht verloren. ©Universum Film

Doch der gemeinsame Humor geht ihnen nicht gänzlich verloren. ©Universum Film

Sie haben großes komödiantisches Talent, aber auch, was hier im Film mehr als deutlich wird, ein Talent auf einer ernsten Ebene zu spielen. Diese beiden Talente im Wechsel werden hier von Ihnen sehr berührend eingesetzt in der Rolle des Julian. Als Zuschauer bewegt man sich von tief traurig bis hin zu sehr amüsiert. Ist das eine Rolle die Ihnen liegt? Ihre vorherigen Rollen spielten sich eher auf der leichteren, abenteuerlustigen Ebene ab.

Ich bin Niels Laupert sehr dankbar, dass er in mir diesen ernsthaften Teil gesehen hat und für dieses Vertrauen in mein Spiel, diese Rolle so ausfüllen zu können. Für Schauspieler ist die bunte Palette natürlich ein Reiz. Es gibt sicher Dinge die in mir schlummern, die die Öffentlichkeit noch nicht gesehen hat. Für mich persönlich ist es nichts neues, aber in diesem Film kann man es sehen.

Aus Ihrer Rolle im Tatort kennt man diese Seite natürlich bereits ein wenig.

Naja, im Tatort bin ich schon eher der Ausgleich zu der Ernsthaftigkeit. Hier im Film habe ich das garnicht so wahrgenommen, dass diese Rolle so einen Kontrast bietet zu meinen bisherigen Rollen. Aber klar, ins Ernste darf es auch mal gehen.

Ein anderes großes Thema im Film sind Lebensträume, bzw. die Unerreichbarkeit dieser. Bedeutet Elternsein das Verzichten auf Träume und auf das Ausleben dieser? Sie sind selbst gerade Vater einer kleinen Tochter geworden.

Es geht schon um die Schmerzhaftigkeit, die diese Kompromisse mit sich bringen. Es geht nicht mehr alles so ohne weiteres, wie vorher. Ich kenn dieses Gefühl gut, dass durch ein Überangebot welches zum Träumen einlädt, gerade in unserer heutigen Welt, die voller Möglichkeiten ist, ein Selektionsprozess stattfinden muss. Gerade in einer Beziehung mit Kind fallen viele dieser Möglichkeiten weg. Dabei fröhlich zu bleiben und den Verlust dieser Wahlmöglichkeiten nicht zu sehr an sich rankommen zu lassen, das ist die Kunst des Lebens.

Vielleicht empfindet Hannah es dann auch nicht mehr als Kompromiss ihren Traum aufgeben zu müssen, wenn sie damit ihre Familie retten kann?

Ich glaube ihre Träume entspringen einer alten Vorstellung, die in einem Leben entworfen wurden, in dem sie sich nicht mehr befindet. Daher kann sie sich von diesem Gedanken leichter verabschieden. Es ist schon eine Entscheidung für die Familie, die mit einer Wehmut einhergeht.

Welche Projekte stehen als nächstes bei Ihnen an? Ein weiterer Tatort?

Das darf ich noch nicht verraten, da lassen wir erstmal sacken was war. Die 2. Staffel Jerks mit Christian Ulmen ist abgedreht. Die ist fantastisch geworden. Da ist die Männlichkeit wirklich am Abgrund, wie idiotensicher wir da auftreten. Und mehr Zeit für meine Familie zu haben, das habe ich fest eingeplant.

Eine andere Frage zum Abschluss – in welcher Stadt lebt es sich besser: in Hamburg oder Berlin?

Hamburg ist Heimat, aber Berlin hat mich schon etwas mehr inspiriert. Hier gibt es ein paar mehr Lebensentwürfe, die aufeinander knallen, ein paar mehr Kontraste. Aber der Hamburger Hafen wiederum, der ist nicht zu toppen. Ich bin schon ein Hamburger Jung, aber wenn man zu lange da war, dann kommt es einem schon etwas popelig vor. Aber irgendwie sehne ich mich auch danach. Das Gute ist, sie liegen sehr nah beieinander. Im Grunde genommen ist es eine Stadt für mich.

Herr Yardim, vielen Dank für das Gespräch!

12.10.2017, Hotel Sofitel, Berlin

Annika Kuhlmann
Ist Mitgründerin von THE VORTEX und Kulturmanagerin. Sie studierte Nordamerikanistik, Publizistik und Psychologie (im Nebenfach) an der FU Berlin. Am liebsten schreibt sie über Tanz/-Theater, Dokumentar-Filme, Feminismus und Zwischenmenschliches und führt für ihr Leben gerne Interviews. Nebenbei ist sie auch für das Marketing verantwortlich.

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